85-jähriger Grieche umsorgt in Süsterfeld seine Kamerunschafe

Der gute Hirte von Süsterfeld

Er ist gerne an der frischen Luft: Fotios Kolios mit einem Lamm seiner Kamerunschafe. Am Rennsteig in Süsterfeld hält er sie auf zwei großen Weiden.
+
Er ist gerne an der frischen Luft: Fotios Kolios mit einem Lamm seiner Kamerunschafe. Am Rennsteig in Süsterfeld hält er sie auf zwei großen Weiden.

Fast jeder in Süsterfeld kennt seine Kamerunschafe. Dabei ist der Mensch hinter der Herde mindestens genauso spannend. Immerhin waren die Tiere sein Halt in schwerer Zeit. Vielleicht lag das auch daran, dass einige von ihnen göttliche Namen haben.

Kassel - Der 85-jährige Fotios Kolios hält ein gutes Dutzend Kamerunschafe an der Bahntrasse in Süsterfeld. Kinder, Familien und Rentner bleiben auf der beliebten Spazierstrecke Am Rennsteig regelmäßig an den zwei Weiden stehen, um die Tiere zu beobachten, zu streicheln und zu füttern. Wegen ihres kurzen braunen Fells halten viele die Schafe fälschlicherweise für Ziegen.

Den Weg nach Kassel fand der gebürtige Grieche Kolios 1960. Als Gastarbeiter kam er im Alter von 23 Jahren zur AEG in Bettenhausen. Schon damals kam er in der Hessischen Allgemeinen groß raus. Er gehörte zu den Ersten, die als Ausländer bei der AEG Arbeit fanden. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte er seinerzeit: „Es ist mir alles noch fremd hier, aber ich habe die Arbeit sehr gern.“ Das war kein Wunder, denn aus Griechenland war er noch härtere Knochenarbeit gewöhnt. Als gelernter Fliesen- und Mosaikleger habe er tonnenweise Material auf die Dächer in Athen tragen müssen, erinnert sich Kolios, der an der Küste vor Korfu aufgewachsen ist. Die reichen Leute hätten sich damals gerne Pools auf die Dächer bauen lassen und es habe keine Fahrstühle gegeben.

Als er schließlich in Kassel war, blieb er nicht lange bei der AEG. Nach nur einem Jahr wechselte der Fliesenlegermeister wieder in die Baubranche. Auch die Liebe fand er in seiner neuen Heimat.

Als 1992 der Ruhestand begann, machte sich Kolios Gedanken über Hobbys. Fünf Jahre später kam er auf die Schafe. „Ich bin nicht der Typ, der gerne vor dem Fernseher sitzt. Ich gehe lieber raus“, sagt Kolios. Als seine Frau und er vor einigen Jahren einen Schicksalsschlag erlitten, waren die Schafe für Fotios eine wichtige Stütze: „Die Tiere brauchen mich.“ Mit dem Scheren hat er übrigens keine Arbeit. Das ist bei Kamerunschafen nicht nötig.

Obwohl er schon lange nicht mehr in Griechenland lebt, verfolgt er, was dort passiert. Das Garagentor seines Hauses in Süsterfeld hat er mit einem Bild der Akropolis verziert. Auch seine Schafe verraten die Herkunft ihres Hirten: Sie tragen so klangvolle Namen wie Athena (Göttin), Xanthippe (Ehefrau von Sokrates), Iphigenia (Tochter von Agamemnon) und Aspasia (Frau des Perikles). Aber Kolios gibt nicht allen Schafen Namen. Wenn die Herde zu groß wird, lässt er einzelne Tiere schweren Herzens schlachten. „Aber niemals die, die einen Namen haben“, sagt Kolios.

Für all jene, die gerne seine Tiere füttern, hat er einen Tipp: Sie lieben ungekochte Nudeln. Weil so viele Kinder Futter mitbringen, brauche er die Schafe an Wochenenden gar nicht füttern. (Bastian Ludwig)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.