Eigentümer kümmert sich nicht

Vorzeigesiedlung documenta urbana: Schönes Haus verkommt

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Meist unbewohnt und vernachlässigt: Das Haus Hermann-Mattern-Straße 1 in der documenta urbana in Süsterfeld-Helleböhn. Anwohner beklagen, dass der Eigentümer das Gebäude verfalle lasse.

Kassel. Einige Hauseigentümer in der Siedlung documenta urbana in Süsterfeld-Helleböhn kümmern sich nicht so um ihre Häuser, wie es die Nachbarn gern hätten. Das führt immer wieder zu Unmut.

Das Haus in der Hermann-Mattern-Straße 1, das zur Siedlung documenta urbana gehört, ist in einem erbärmlichen Zustand: Die Holzfenster sind morsch, die Holzverkleidung ist an vielen Stellen durchgefault, die Fassadenfarbe blättert großflächig ab, der Garten verwildert. Für die Nachbarn wie Manfred Schön ein Ärgernis. „Wie kann man sein Haus derart verkommen lassen“, fragt sich der Rentner, der zwei Eingänge weiter wohnt. „Das ist doch auch ein finanzieller Schaden“, sagt er. Schön hat sogar angeboten, das Haus zu erwerben, was der Nachbar aber abgelehnt habe.

Die Anfang der 1980er-Jahre als städtebauliches Vorzeigeprojekt und architektonischer Hingucker errichtete Siedlung am Rande der Dönche sorgte seinerzeit auch bundesweit für Schlagzeilen. Ein Teil der Gebäude wurde an privat, ein anderer Teil an Wohnungsgesellschaften verkauft.

Schön erwarb sein Haus 1985, der Nachbar – ein Arzt aus Berlin – habe Anfang der 1990er-Jahre gekauft und seither nichts gemacht. Er war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Über eine Mitarbeiterin ließ er ausrichten, dass er derzeit aus gesundheitlichen Gründen dazu nicht in der Lage sei.

Marode: Die Fassade des Hauses gammelt seit Jahren vor sich hin.

Mehrere Schreiben Schöns an die Stadt Kassel blieben erfolglos. Auf Anfrage gab es die Antwort, dass die Stadt nichts gegen die Eigentümer in der Hand habe, so lange das Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) keinen Denkmal- oder Ensembleschutz für die documenta urbana ausgesprochen habe. „Wir können nur appellieren, mehr nicht“, so ein Sprecher.

„Bislang wurde in unserem Hause noch nicht darüber diskutiert, ob die Siedlung documenta urbana als Gesamtanlage im Sinne des Gesetzes schützenswert wäre. Dies liegt vor allem daran, dass sie noch vergleichsweise jung ist“, teilte die Sprecherin des LfDH, Dr. Katrin Bek, mit. Sie werde aber die Frage an die Abteilung „Inventarisation“ mit der Bitte weitergeben, zu prüfen, inwieweit die originale Bausubstanz noch authentisch erhalten ist und eine Bedeutung im Sinne des Denkmalschutzgesetzes besitzt.

Der zuständige Bezirkskonservator Prof. Dr. Peer Zietz hat bereits vor einiger Zeit festgestellt, dass insbesondere das äußere Erscheinungsbild der Gebäude in einigen Fällen durch Anbauten verändert wurde. Zu klären ist laut Landesamt, wie die bis 1982 errichtetet Häuser ursprünglich geplant und gebaut wurden.

Die im Rahmen der documenta 7 im Jahr 1982 fertiggestellte Siedlung geht auf eine Idee des documenta-Gründers Arnold Bode zurück. Bereits anlässlich der ersten Ausgabe der Weltkunstausstellung dachte er über die stärkere Einbeziehung der Architektur nach. Nach und nach wuchs der Gedanke, einen sichtbaren Gegenpol zur architektonischen Langeweile der sterilen 1950er- bis 1970er-Jahre-Hochbauten zu setzen, wie sie auf der anderen Seite der Heinrich-Schütz-Allee stehen. Schließlich entstand die Siedlung – ein Spagat zwischen städtisch verdichteter Bebauung und Wohnen im Grünen am Rand der Dönche.

Die neue Siedlung steht in der Tradition von beispielhaften Projekten wie der Gartenstadt Hellerau in Dresden und der Berliner IBA im Hansaviertel. Während der Bauphase gab es immer wieder Probleme und auch Pleiten. Anfangs kamen viele Besucher – auch aus dem Ausland – zur Besichtigung des Vorzeigeprojekts. Das hat mittlerweile nachgelassen. 

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