Chauffeur kaufte Zigarren

Werner Weller führt seit 50 Jahren den „Kiosk am Helleböhn“

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Seit 50 Jahren für seine Kunden da: Werner Weller – hier mit Irene Busch, die gerade ein paar Ahle Würschte kauft, am Kiosk an der Leuschnerstraße.

Süsterfeld-Helleböhn. Werner Weller ist eine Institution im Stadtteil. Seit sage und schreibe 50 Jahren betreibt der 70-Jährige an der Leuschnerstraße seinen „Kiosk am Helleböhn“.

„Ich könnte ganze Bücher schreiben über meine Erlebnisse hinterm Verkaufstresen“, sagt der alleinstehende Mann, von dem eine große Ruhe und Gelassenheit ausgeht. Vor allem könnte er viel über den Wandel, über Veränderung und Zeitgeist philosophieren. „Heute ist alles hektischer, unpersönlicher geworden“, sagt er. Schon von weitem riefen die Kunden: Hallo, ist da jemand? Dabei stehe er doch schon parat.

Als Vorläufer des Kiosks gab es an der Leuschnerstraße 95 seit 1956 bereits ein Lebensmittelgeschäft. Drumherum standen kaum Häuser. Erst später wurde nebenan das Hochhaus gebaut, in dem Weller auch wohnt.

Heute kämpften viele Kioske ums Überleben“, sagt Werner Weller mit Wehmut. Es sei nicht einfach einen Nachfolger zu finden. „Früher waren wir hier so etwas wie eine soziale Einrichtung.“ Viele Stammkunden kamen. Man kannte sich, es ging nachbarschaftlich zu. Es wurden Neuigkeiten ausgetauscht, diskutiert und Werner Weller, und seine Mitarbeiterinnen halfen nicht selten beim Ausfüllen von Formularen oder machten für den Kunden auch schon mal Termine beim Arzt aus.

Eine alte Dame rief jedes Mal an, wenn sie sich auf den Weg zum Kiosk machte, erzählt Weller. Der habe man über die Straße geholfen und sie anschließend zurückbegleitet.“ Ihr Einkaufskorb war von Butter über Zigaretten bis zur Zeitung gut gefüllt. Aber auch Blumen kann man kaufen, Reisen buchen, Pakete aufgeben. Und donnerstags gibt’s Speckkuchen.

Nicht selten ist der Kiosk Rettung in der Not, wenn irgendwas fehlt. Als aber einmal um 13.15 Uhr an Heiligabend jemand kam, und eine Christbaumspitze kaufen wollte, da konnte ihm auch Werner Weller nicht helfen.

Aus allen Gesellschaftsschichten habe sich sein Klientel zusammengesetzt. So sei in den 70er-Jahren regelmäßig ein Mercedes-Benz Pullman vorgefahren; der Chauffeur „mit weißen Handschuhen“ sei ausgestiegen und habe einmal die Woche für 200 DM eine Kiste Zigarren gekauft. Hochwertige Weine und sogar Champagner habe Weller im Sortiment gehabt. Er redet in der Vergangenheitsform. Heute, so sagt er, antworteten die Kunden auf seine Frage „Roten oder weißen Wein?“ mit „Egal, Hauptsache billig.“

Dabei findet man unter Wellers Kunden sogar so manchen Lottogewinner. An einem ersten freien Sonntag nach einem halben Jahr Dienst im Büdchen, so erinnert er sich, habe in aller Herrgottsfrühe das Telefon geklingelt. „Ich habe fünf Richtige mit Zusatzzahl“, sagte eine aufgeregte Stimme: „Was soll ich jetzt machen?“ „Das Kuriose“, so Weller: „Dieser Lottospieler hatte später ein zweites Mal einen hohen Betrag mit fünf Richtigen plus Zusatzzahl gewonnen.“ Auch diesen Lottoschein hatte er bei ihm abgegeben.

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