Betroffene werden überwacht

Suizidgefahr in Gefängnissen: Die Unterhose ist aus Papier

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Kleidung aus Papier: Der Justizvollzugsbeamte Stefan Marx zeigt ein T-Shirt, das die Gefangenen im besonders gesicherten Haftraum tragen müssen.

Kassel. Kommt man in der Justizvollzugsanstalt zu dem Ergebnis, dass ein Häftling suizidgefährdet ist, dann gibt es neben psychosozialer Begleitung verschiedene Möglichkeiten, den Betroffenen zu überwachen.

Der Selbstmord des mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr in Leipzig hatte bundesweit für Debatten gesorgt, wie man mit Suizidgefährdeten in Haftanstalten umgehen soll. Auch in der JVA in Kassel-Wehlheiden befasst man sich damit.

Bei der Überwachung suizidgefährdeter Häftlinge redet man im hessischen Vollzug von vier Stufen.

Stufe I

Gemeinschaftliche Unterbringung: Das Hessische Justizvollzugsgesetz sieht generell eine Einzelunterbringung von Gefangenen vor. Gibt es Hinweise, dass ein Häftling latent, also unterschwellig - suizidgefährdet ist, gibt es die Möglichkeit, ihn in eine Zweier-Zelle zu verlegen. Voraussetzung dafür sei allerdings, so JVA-Leiter Jörg Uwe Meister, dass der andere Gefangene damit einverstanden ist und mit dem gefährdeten Häftling gut zurechtkommt. Allerdings übertrage die Anstalt nicht die Verantwortung auf den Mithäftling. Es gehe nur darum, dass der Betroffene sich mit jemandem unterhalten könne. „Das ist kein Therapieersatz“, sagt Meister.

Stufe II

Besonders gesicherter Haftraum (bgH): Der Justizvollzugsbedienstete Thomas Peschke steht in einer Zelle, in der es nur eine Matratze und eine französische Toilette gibt.

Sichtkontrollen: Kommt keine Unterbringung in einer Zweier-Zelle zustande, so gibt es die Möglichkeit, einen Häftling in unregelmäßigen Intervallen in der Zelle zu kontrollieren. Die Intervalle variieren, eine Kontrolle sollte aber mindestens alle 60 Minuten stattfinden. Diese muss dann auch dokumentiert werden. Geringere Intervalle – von zum Beispiel einer halben Stunde – seien eigentlich nicht möglich. Man wolle die Häftlinge damit ja nicht quälen, sagt der Jutizvollzugsbedienstete Thomas Peschke. Wenn sie nachts in die Zelle kommen, müssen sie jedes Mal das Licht anschalten, um zu schauen, wie es dem Häftling geht. Wenn er schnarche oder regelmäßig atme, sei es allerdings nicht erforderlich, den Inhaftierten zu wecken.

Alle Bediensteten der JVA müssen übrigens einmal Jahr ihre Kenntnisse über die Frage „Wie erkenne ich Suizidgefahr?“ auffrischen. Zudem gibt es zu dem Thema regelmäßig Fortbildungen.

Stufe III

Haftraum mit Kameraüberwachung:Wenn der Psychologische Dienst zu dem Ergebnis kommt, dass ein Gefangener wegen Eigen-, aber auch Fremdgefährdung rund um die Uhr unter Beobachtung stehen muss, dann kommt er in einen kameraüberwachten Haftraum. Davon gibt es im Zentralkrankenhaus der JVA vier, im normalen Vollzug bislang einen, ein zweiter Raum wird derzeit eingerichtet. Diese Zellen sind ganz normal möbliert, es wird den Gefangenen auch erlaubt, ein Feuerzeug zu haben, damit sie rauchen können. Dem Inhaftierten, der kürzlich ein T-Shirt angesteckt hat, sei das Feuerzeug danach natürlich abgenommen worden, so Meister. In der Zentrale der JVA sind die Monitore, von den die Bediensteten die überwachten Zellen immer im Blick haben. Nach Einschätzung von Gefängnispsychologin Dr. Sophie Hinrichs haben die Fälle, dass Häftlinge in solche Zellen müssen, zugenommen.

Stufe IV

Besonders gesicherter Haftraum:Bei akuter Suizidgefahr werden Häftlinge in einem besonders gesicherten Haftraum (bgH) untergebracht. „Das soll aber nur die „ultima ratio“ (das letzte Mittel) sein“, sagt Hinrichs. „Das ist ein Raum, den man eigentlich meiden möchte.“

In diesen Zellen (im Zentralkrankenhaus der JVA gibt es vier und im Vollzug zwei) liegt nur eine flache Matratze, an der man sich nicht verletzen kann. Zudem gibt es eine im Boden eingelassene französische Toilette. Die Häftlinge tragen Papierunterwäsche und auch die Decke ist aus Papier, damit sie sich damit nicht strangulieren können. Die Temperatur beträgt um die 26 Grad, damit die Betroffenen nicht frieren. Das Essen wird auf Silikontellern serviert, Getränke in Pappbechern gereicht, um eine Selbstverletzung trotz Überwachung auszuschließen. Natürlich sind diese Zellen mit zwei Kameras ausgestattet und haben eine Rufanlage.

Sollte sich jemand trotzdem weiterhin verletzen, beispielsweise indem er den Kopf gegen die Wand schlägt, bestehe die Möglichkeit, ihn zusätzlich zu fesseln oder eine Sitzwache einzurichten, so Ministeriumssprecher René Brosius.

In den meisten Fällen blieben die Betroffenen nur eine Nacht in solch einer Zelle, sagt Hinrichs. Die längste Unterbringung, die sie erlebt habe, habe fünf Tage gedauert.

JVA-Leiter Meister macht deutlich: „Das ist eine reine Schutzmaßnahme, damit sich ein Gefangener nicht das Leben nimmt.“ Bei der gesamten Thematik dürfe man nicht vergessen, dass jeder Suizid, der von einem Bediensteten im Gefängnis festgestellt wird, ein sehr belastendes Erlebnis sei.

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