Alstom-Geräte aus Kassel schützen Umspannwerke in aller Welt vor Ausfall – Exportquote 80 bis 90 Prozent

Super-Schalter gegen Albträume

Freuen sich über gute Geschäfte (von links): Alstom-Grid-Werkleiter in Kassel, Klaus Lingelmann, Alstom-Power-Energy-Recovery-Geschäftsführer Karsten Stückrath und Alstom-Deutschlandchef Alf Hendryk Wulf (Mannheim). Im Hintergrund ist ein Hochleistungsschalter der modernsten Generation zu sehen, im Vordergrund eine Polmanschette aus Gummi. Foto: Schachtschneider

Kassel. Auf den ersten Blick haben die Hochleistungsschalter des Alstom-Werks in Kassel einen ruhigen Job. Denn sie müssen nur alle paar Jahre ran, wenn ein Kurzschluss ein ganzes Umspannwerk lahmzulegen droht und in einer Stadt wie Kassel für Stunden oder Tage das Licht ausgeht – der Albtraum eines jeden Versorgers und Netzbetreibers.

Damit genau das nicht passiert, werden die bis zu vier Tonnen schweren, reihenhausgroßen, gasgekühlten Geräte eingebaut. Sie schalten im Falle eines Blitzschlags oder eines Leitungsdefekts für Millisekunden den Strom ab und wieder an und verhindern somit, dass wichtige Teile des Umspannwerks durch einen Mega-Strom-Schub zerstört werden. Denn in einer solchen Situation verzehnfacht sich die Stromstärke auf bis zu 50 000 Ampere. Das haut selbst die stärksten Transformatoren um. Die mit einer komplexen Mechanik und Elektronik versehenen Hochleistungsschalter müssen diese unvorstellbaren Kräfte aushalten. „Das ist ein Super-Stress für unsere Geräte“, sagt Werkleiter Klaus Lingelmann. Die Schalter müssen also immer funktionieren, bei 60 Grad minus genauso wie bei 60 Grad plus, bei Nässe und Eis – jahrzehntelang. Netzbetreiber müssen ihnen blind vertrauen.

Die Schalter aus Kassel gehen in alle Welt. 2400 bis 2500 bauen die Elektroprofis in der Lilienthalstraße im Jahr, bis zu 90 Prozent werden exportiert. Aber nicht nur das. Die Geräte werden auch in Kassel entwickelt. Denn das 1948 gegründete ehemalige AEG-Werk, das 1996 über Umwege zum französischen Alstom-Konzern kam, ist das konzernweite Kompetenzzentrum für Schalter für Spannungen von 36 bis 170 Kilovolt (kV) – fast 800 Mal so viel wie in der Steckdose.

Die hochwertigen Produkte aus Kassel sind gefragt, zumal es weltweit nicht einmal eine Handvoll Anbieter auf diesem Spezialgebiet gibt. Rund 70 000 Schalter haben die Kasseler Profis seit Werksgründung gebaut. „Aus dieser Erfahrung und der hohen Qualifikation unserer Mitarbeiter resultiert unsere hohe Kompetenz“, erklärt Lingelmann.

365 Beschäftigte in Produktion, Vertrieb und Service bringen es auf 80 bis 90 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Der Markt legt jährlich konstant um ein bis zwei Prozent zu. Kunden sind Netzbetreiber und Industrieunternehmen mit eigenen Umspann- oder Kraftwerken. Jeder will den Schalter anders. Manchmal bauen die Kasseler Einzelstücke oder zwei, drei Exemplare vom gleichen Typ. 100 Stück sind schon eine Großserie.

In Fertigung und Service arbeiten nur Fachkräfte, die Alstom für sich selbst, aber im Verbund auch für benachbarte Firmen ausbildet.

Demnächst kommen die Kasseler mit einem neuen Produkt heraus. Ein neuartiger, selbst entwickelter Hochleistungsschalter, der in Kraftwerken hinter dem Generator sitzt. Da bewegt sich Alstom, in einer noch kleineren Nische, denn weltweit gibt es nur einen Wettbewerber. In unserer nächsten Folge stellen wir Paul Julius Freiherr von Reuter, den Gründer der Nachrichtenagentur Reuters, vor.

Von José Pinto

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