Zerstörte Heimat

Aus Syrien geflohen: Familie seit sechs Monaten in Kassel

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Leben auf 20 Quadratmetern: Duha Arnaout mit ihrem Mann Fadi und Sohn Mohamed Moafak. Die Eltern besuchen täglich einen Deutschkurs, um sich hier in Deutschland ein neues Leben aufzubauen.

Kassel. Was die etwa 180 syrischen Flüchtlinge im Gepäck haben, die am Mittwoch auf dem Flughafen Kassel Calden gelandet sind, weiß Duha Arnaout ganz genau: Bilder aus ihrer zerstörten Heimat, Erinnerungen an den Krieg.

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Die 27-jährige Frau aus Aleppo kam vor sechs Monaten in Hannover an und hat sich dann auf die Suche nach ihren Eltern begeben, die bereits einige Wochen zuvor eingereist waren.„Ich wollte nicht nach Deutschland kommen“, erzählt die junge Frau auf Englisch, „aber die Situation in meiner Heimat hat mich dazu gezwungen.“ Duha Arnaout und ihre Familie kommen aus Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens nach der Hauptstadt Damaskus. Dort habe ihr Mann Fadi (35) als Ingenieur für die Regierung gearbeitet. Duha Arnaout hatte eine Stelle als Englisch-Lehrerin. „Jetzt müssen wir mit nichts von vorn anfangen.“

Nachdem ihr Mann von der syrischen Regierung verfolgt wurde, weil er sich weigerte die Wasserversorgung der Stadt abzudrehen, flüchtete er zunächst allein aus dem Land. Auf der Suche nach ihm seien Soldaten in ihr Haus eingedrungen und haben sie geschlagen. Duha war zu diesem Zeitpunkt schwanger.

Ihr Baby kam als Folge der Schläge zu früh auf die Welt. „Mein Kind hätte beatmet werden müssen“, erzählt sie. Doch aufgrund der Bombenangriffe, fällt in der Millionenstadt oft die Elektrizität aus. So auch an den Tagen nach der Geburt. Duhas Baby wurde nur vier Tage alt.

Ein ihr fremder Mann hat ihr schließlich geholfen, Syrien zu verlassen. Sie reiste mit ihrem zweieinhalb-jährigen Sohn nach Deutschland, kam zunächst in ein Flüchtlingslager nach Gießen ohne zu wissen, dass ihre Eltern bereits in Kassel waren.

Duha Arnaouts Bruder lebt bereits seit sieben Jahren in Deutschland. Er ist Arzt am Klinikum Kassel. Aus diesem Grund haben sich Duhas Eltern dazu entschlossen nach Kassel aufzubrechen. „Sie wollten in ihrem Alter keinen Krieg mehr erleben.“

Nach den Eltern kam die Schwester Roua nach Deutschland. Sie würde gern ihren Master in Architektur an der Uni Kassel studieren, muss dafür aber noch besseres Deutsch sprechen. „Die Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, müssen die Chance nutzen zu lernen, um einen Job zu finden“, sagt die Schwester. In Kassel traf Duha Arnaout auch mit ihrem Mann zusammen. Sie würde gern in ihre Heimat zurückgehen, aber sie habe einfach nur Angst. „Ich bin allein für mein Kind hier.“

Jeden Vormittag besucht sie einen Deutschkurs, ihr Mann passt auf den Sohn auf. Nachmittags lernt ihr Mann dann bis abends Deutsch. Die Familie lebt auf 20 Quadratmetern in einem Heim im Druseltal. „Ich bin der deutschen Regierung sehr dankbar, dass sie uns aufgenommen hat“, sagt Fadi Arnaout.

Bilder von der Ankunft der Flüchtlinge

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Seine Frau fügt an: „Syrien war schön. Ich vermisse meine Heimat“ Ihre Mutter weine jeden Tag. Es gebe keinen Syrer, der wirklich glücklich sei, trotz der guten und umfangreichen Hilfe, sagt sie. „Es ist ein Unterschied, ob man freiwillig sein Heimatland verlässt oder dazu gezwungen ist, weil man in ständiger Todesangst lebt.“

Von Miriam Linke

Video: Ankunft der Flüchtlinge in Calden

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