System Schule in der Krise: Lehrervertreter beklagen hohes Maß an Mehraufgaben

Schule ist Zukunft: Unser Archivfoto zeigt eine Grundschule in Hannover. Archivfoto: dpa

Kassel. „Das System Schule ist in der Krise“, sagt Heike Lühmann, Lehrerin am Kasseler Goethe-Gymnasium. An hessischen Schulen müsse sich dringend was ändern, will man keinen Kollaps riskieren.

Viele Lehrer seien unzufrieden und resignierten, weil sie ihre Schüler nicht in der Weise fördern können, wie sie es möchten. Hauptprobleme sind zu große Klassen und zu wenig Zeit. „Wir brauchen dringend mehr Ressourcen“, sagt Lühmann, die bei der nordhessischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Gymnasiallehrer vertritt.

Lühmann und ihre GEW-Kollegen empfinden die Situation an den Schulen als alarmierend und fordern Abhilfe in Form einer besseren Ausstattung mit Personal. „Wir investieren in Hessen zu wenig Geld in gute Bildung.“

Unterrichten kommt zu kurz

Immer mehr administrative und organisatorische Aufgaben würden auf die Lehrertätigkeit gepackt: evaluieren, Lehrpläne schreiben, in Kommissionen arbeiten, Projekte betreuen, bis hin zur Pflege des schulischen IT-Bereichs - die Lehrer müssen’s richten. „Nur 40 Prozent meiner Arbeitskraft und -zeit fließt in meine Kernaufgabe zu unterrichten“, sagt Stephan Funk, Berufschullehrer an der Martin-Luther-King-Schule. „Verwalten und Organisieren stehen im Vordergrund, und die Arbeit am Kind kommt zu kurz“, sagt auch Andrea Michel, Förderschullehrerin an der Offenen Schule Waldau: „Daran kann man kaputtgehen.“ Die Kollegen würden dem Anspruch, Kinder individuell zu fördern, gern nachkommen, seien schon jetzt Sozialarbeiter, Therapeuten und Psychologen in einem. Unter den aktuellen Arbeitsbedingungen könne man daran jedoch zerbrechen.

Funk blickt auf die Schüler. Dass sie undiszipliniert und unmotiviert seien, sieht er nicht. „Die wollen was leisten und sehnen sich nach Wertschöpfung.“ Gelinge ihnen das nicht in der Schule, suchten sie woanders Bereiche, um sich zu beweisen.

Auch Irina Kilinski, Geschäftsführerin des nordhessischen GEW-Bezirksverbands, die als Grundschullehrerin in Lohfelden arbeitet, sieht großes Potenzial an den Schulen. „Wie vielen meiner Kollegen macht mir mein Beruf Spaß.“ Leider würde das Engagement der Lehrer von der Politik nicht gewürdigt.

„Steigende Vorgaben aus dem Ministerium zerreißen die Lehrer“, sagt Thomas Jansen, der an der Gesamtschule in Vellmar arbeitet. Es solle eine Halbierung der Schulabbrecherquote herbeigeführt werden, „aber kosten soll es nichts.“ Die Kollegen empfänden sich häufig als Befehlsempfänger. Ihre Sorgen und Einwände fänden in Wiesbaden kein Gehör. „Die Politiker weigern sich, die Betroffenen zu Beteiligten zu machen. Das ist das Gegenteil von Qualitätssicherung.“

Von Christina Hein

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