Harald Fischer: „Dass sich etwas ändert, erlebe ich wohl nicht mehr“

Systemische Unterdrückung der Frau? In Kassel wird über Kirche, Macht und Sexualität diskutiert

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Um darüber zu diskutieren, was Kirche und Theologie mit Strukturen von Gewalt und Macht zu tun haben, hatte die Kasseler Professorin Dr. Ilse Müllner ein Podium von Katholiken ganz unterschiedlicher Prägung eingeladen.  Das Plakat zeigt Maria mit zugeklebtem Mund (Symbolbild).

Was hat die Kirche mit Strukturen von Gewalt und Macht zu tun? Um diese Frage ging es nun in Kassel. Eine der Thesen war dabei: Die Unterdrückung der Frau in der Kirche ist systemisch begründet.

Der Publikumsandrang war groß. Immer mehr Menschen unterschiedlichen Alters, Frauen und Männer, strömten in den kleinen Saal der Uni Kassel, um an der Podiumsdiskussion zum Thema: „Kirche, Macht und Sexualität“ teilzunehmen. Eingeladen hatte das Institut für Katholische Theologie, um über die Krise der katholischen Kirche und Auswege daraus zu sprechen.

Die 700 und mehr Interessierten, die sich eingefunden hatten, verdeutlichten die Bedeutung und Aktualität des Themas, das mit den Kirchenstreikaktionen Maria 2.0 der katholischen Frauen zurzeit in Kassel wie auch bundesweit Furore macht.

Diskutierten zum Thema „Kirche, Macht und Sexualität“: Dechant Harald Fischer, Gastgeberin und Moderatorin Prof. Dr. Ilse Müllner, Dr. Ansgar Wucherpfennig, Dr. Marianne Heimbach-Steins, Religionslehrer Jesus Sola Requena, Studentin Rebecca Niehoff und Pastoralreferentin Beatrix Ahr (von links).

Um darüber zu diskutieren, was Kirche und Theologie mit Strukturen von Gewalt und Macht zu tun haben, hatte die Kasseler Professorin Dr. Ilse Müllner ein Podium von Katholiken ganz unterschiedlicher Prägung eingeladen. Die Impulsreferate hielten zwei renommierte Theologen, die mit Forderungen wie der Öffnung des Priesteramts für Frauen bereits die Kritik der Amtskirche auf sich gezogen hatten.

Nährboden für Vertuschen

Macht sei in der katholischen Kirche, einem durch und durch „hierarchischen System mit wenig Kontrolle“, ein Tabuthema, so Marianne Heimbach-Steins, Professorin an der Uni Münster. Sie spricht von einer „Unkultur der Intransparenz“, die der Nährboden für Vertuschen sei. Christen seien aufgrund der Taufe gleich, doch die Realität sehe anders aus, nämlich: Hier das Amt, da das Volk. „Das passt theologisch gar nicht und ist furchtbar.“

Der Jesuit Prof. Dr. Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt, bedauert, dass die patriarchalen Strukturen überdauert haben, obwohl schon Maria 1.0 und ihre Schwestern politische und kämpferische Frauen waren. Die Unterdrückung der Frau in der Kirche sei systemisch begründet, so Wucherpfennig. Die Autoren biblischer Texte seien nun mal Männer gewesen „und die dachten auch, dass die Erde eine Scheibe ist“.

"Grundproblem ist die Macht, der Missbrauch von geistlicher Macht.“

Deutliche und nachdenkliche Worte kamen von Harald Fischer, Pfarrer an der Kirche St. Familia: Er sei 2010, als die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche öffentlich wurden, geschockt gewesen. Er habe Null-Toleranz gegenüber den Tätern gefordert. Heute wisse er, dass er mit dieser „starken Individualisierung“ im Erkennen des Problems auf dem Holzweg war. Ihm sei zunehmend klar geworden, dass es weniger um Sex und Gewalt gehe, als um Klerikalismus. Fischer: „Das Grundproblem ist die Macht, der Missbrauch von geistlicher Macht.“ Und der sei in die DNA von Kirche eingeschrieben. „Es erschreckt mich, dass wir so lange gebraucht haben, um das zu erkennen.“

„Ich dachte immer, bald tut sich was“, gab Pastoralreferentin und Dozentin Beatrix Ahr zu auf die Frage, wie man sich fühlt in der Kirche, in der man sich ja schon als junge Frau engagiert hat. Ahr, die bei der Aktion Maria 2.0 dabei ist, sagte auch: „Ich kenne Priester, deren Qualifikation für den Beruf allein darin besteht, Mann zu sein.“

Es sei jetzt der richtige Zeitpunkt für Protest, meinte Marianne Heimbach-Steins. Die Zeiten seien vorbei, dass alle einer Meinung sein müssten, damit sich etwas bewegt.

Das Fazit von Harald Fischer war verhalten: „Ich glaube, es ist was in Bewegung. Aber dass sich etwas ändert, erlebe ich wohl nicht mehr.“ Und Beatrix Ahr sagte an die Jüngeren gerichtet: „Wenn ihr gut weiterstudiert, gelingt euch vielleicht etwas, was uns nicht gelungen ist. Kämpft weiter!“

VON CHRISTINA HEIN

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