Erst wurde ein 38-Jähriger brutal verprügelt, dann erstach er beinah seinen Gegner

Ein Täter, der auch Opfer ist

Kassel. Das gibt es auch nicht alle Tage: ein blutig ausgetragener Streit, bei dem am Ende beide Seiten auf der Anklagebank landen – in verschiedenen Verfahren.

Im Juli 2009 hatten zwei Männer einen Bekannten im Einkaufszentrum City-Point grün und blau getreten und ihm das Nasenbein gebrochen. Die Staatsanwaltschaft hat sie deshalb wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Zunächst aber muss sich seit gestern ihr Opfer vor dem Kasseler Landgericht verantworten: Der 38-Jährige hatte einem seiner beiden Widersacher ein Messer in den Rücken gerammt – nicht während der Prügelei im Einkaufszentrum, sondern kurz danach, draußen vor der Tür.

„Ohne Notoperation wäre der Mann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verstorben.“

Staatsanwalt

Versuchten Totschlag legt ihm die Anklage zur Last. Er habe den Tod des 26-Jährigen „zumindest billigend in Kauf“ genommen, sagte Staatsanwalt Andreas Thöne. „Ohne Notoperation wäre der Mann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verstorben.“

Als sich die Kontrahenten, die beide Opfer und Täter zugleich sind, beim Prozessauftakt vor der Schwurgerichtskammer wiedersehen, werfen sie sich auf Albanisch Worte an den Kopf, die unübersetzt bleiben. Freundlich klingen sie nicht. Dennoch beteuert der 26-Jährige: „Wir haben keinen Streit mehr – das ist vergessen.“

Dass ihre Auseinandersetzung damals so brutal eskaliert ist, will niemand von ihnen bestreiten. „Was zwischen uns geschehen ist, hätte nie geschehen dürfen“, sagt der Angeklagte.

Der Auslöser hätte allerdings nichtiger kaum sein können: Einige Tage zuvor waren die Streithähne beim Fußballspielen aneinandergeraten. Und als sie sich an jenem Abend zufällig wieder begegneten, lebte ihr Wortgefecht wieder auf.

Erst ging es um Fußball, dann um die pubertierende Tochter des Angeklagten, mit der der 38-Jährige offenbar seine Erziehungsprobleme hatte. „Was bist du für ein Vater?“, soll ihm der 26-Jährige an den Kopf geworfen haben. „Kannst du nicht auf deine Tochter aufpassen?“ Dann, sagt der Angeklagte, sei es losgegangen. Und als eigentlich schon alles vorbei war, wurde es draußen auf der Straße erst richtig schlimm.

Doch wie genau, das ist die entscheidende Frage, die das Gericht zu klären hat. Laut Anklage soll der 38-Jährige „erbost“ seinen Gegnern hinterhergelaufen sein und dem 26-Jährigen sein Messer ohne Vorwarnung in den Rücken gestoßen haben. Das freilich bestreitet der Angeklagte: Die anderen hätten ihm den Weg abgeschnitten, ihn erneut beleidigt, sagt er. Nur aus Angst vor weiteren Schlägen habe er das Messer, das er erst kurz zuvor für einen Urlaub gekauft habe, gezückt und zugestochen. An Details aber könne er sich nicht mehr erinnern: Die Aufregung, die Schmerzen – all das habe seine Sinne zu sehr vernebelt.

Am morgigen Freitag wird der Prozess fortgesetzt.

Von Joachim F. Tornau

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