Täter treten absolut glaubhaft auf

Trickbetrüger spielen ein psychologisches Spiel: Expertin über Situation der Opfer

Opfer empfinden oft Schuld und Angst: Opferschutzbeauftragte rät Betroffenen, Hilfe als Chance zu sehen.
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Opfer empfinden oft Schuld und Angst: Opferschutzbeauftragte rät Betroffenen, Hilfe als Chance zu sehen.

Wenn Betrüger zuschlagen, dann steht nach der Tat oft die Suche nach den Tätern im Fokus. Kathrin Buttler ist beim Polizeipräsidium Nordhessen als Opferschutzbeauftragte tätig. Mit ihr haben wir im Interview über die Situation der geschädigten Opfer gesprochen.

Frau Buttler, Sie haben in Ihrem Arbeitsalltag oft auch mit Opfern von Betrugsfällen zu tun. In welcher Verfassung finden Sie diese Menschen vor?
Opfer empfinden in so einer Situation oft Schuld und Angst, aber eben auch Scham und Ohnmacht. Hinzukommt das Gefühl, getäuscht worden zu sein. Aber viele sind auch von sich selbst enttäuscht, weil sie auf einen Betrüger hereingefallen sind. Das Empfinden, dass man selbst durch sein eigenes Tun oder Unterlassen etwas dazu beigetragen hat, den Tathergang zu vollenden, führt dazu, dass Menschen sich selbst nicht mehr trauen.
Man drängt sich also auch ein Stück weit noch mehr in die Opferrolle?
Genau, man spricht hier von Viktimisierung. Einmal wird man primär durch die Tat selbst zum Opfer, aber man lässt sich auch durch andere in die Opferrolle drängen. Dazu tragen Fehlreaktionen von Freunden, Bekannten, aber auch von Amtspersonen oder Ärzten bei (sekundäre Viktimisierung). In den meisten Fällen geschieht das unbewusst und unbeabsichtigt. Es kann zum Beispiel sein, dass nicht sensibel genug auf das Opfer eingegangen wird.
Ist es besonders schlimm, wenn andere sagen, man hätte doch merken müssen, dass da Betrüger am Werk sind?
Etwas selbst nicht erlebt zu haben, aber das aus einer anderen Perspektive beurteilen zu wollen, ist für das Opfer zusätzlich belastend. Man spricht von „tertiärer Victimisierung“, wenn die Selbstdefinition „Opfer“ zum Bestandteil der eigenen Persönlichkeit wird. Dass man sich immer wieder vorwirft und sich nicht verzeihen kann, einen Fehler gemacht zu haben.
Wie viel Zeit braucht es, über so ein Erlebnis hinwegzukommen?
Das ist unterschiedlich. Ich glaube, wir Menschen sind in der Lage, Dinge zu verarbeiten. In diesen Prozess spielen allerdings viele Dinge rein. Zum einen die soziale Situation: Habe ich Freunde, Verwandte, einen Partner? Habe ich in der Vergangenheit schon Schlimmes erlebt und bin daraus gestärkt hervorgegangen? Wer erneut mit einem negativen Erlebnis konfrontiert ist, kann entsprechend mehr belastet sein.
Wer kann in solchen Situationen helfen?
Es gibt ein großes Angebot an Unterstützung durch Ärzte und Psychologen sowie Opferhilfeeinrichtungen, dass Menschen die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Es liegt an jedem selbst, wie er zukünftig mit sich selbst umgeht. Mache ich es mir jetzt für den Rest meines Lebens zum Vorwurf, dass ich einen Fehler gemacht habe? Oder schaue ich positiv nach vorn und auf das, was ich noch habe. Bei Betrugsfällen ist es meist so, dass ich rein körperlich keinen Schaden davongetragen habe. Es kommt also auf die Bilanzierung des Erlebten an. Ich hatte ja Gründe dafür, warum ich genauso gehandelt habe. Es ist gut, das Erlebte so für sich zu verarbeiten, dass man sagt, „dieses Ereignis darf nicht die Macht über mein Leben bekommen“.
Ist das Schwierigste, sich überhaupt zu überwinden, Hilfe anzunehmen?
Auch das ist unterschiedlich. Man darf Unterstützung als Chance sehen. Hilfe anzunehmen, ist eine Stärke. Ich glaube, schwieriger als Hilfe anzunehmen, ist es, seinen inneren Frieden wiederzufinden. Manchen hilft es, die Person zum Arzt oder einer Beratungsstelle zu begleiten. Da ist Raum, darüber zu reden. Gerade das Schamgefühl zu überwinden, in einem geschützten Bereich über das Erlebte zu sprechen, ohne an den Pranger gestellt oder ausgelacht zu werden, das ist das Allerwichtigste. Die Schuld liegt nicht bei den Opfern, sondern immer beim Täter.
Was kann man tun, um Angehörige vor solchen Betrügern zu schützen?
Es hilft, sich darüber zu informieren, was die aktuellen Maschen der Betrüger sind. Häufig sitzen ganze Banden hinter solchen Betrugsmaschen. Die agieren nach dem Motto, wie können wir Hand in Hand arbeiten, um das Opfer entsprechend zu beeinflussen und finanziell ausnehmen zu können. Es ist gut, mit Angehörigen über dieses Thema zu sprechen. Trotzdem schützt Prävention nie vollständig davor, doch irgendwann in eine Situation zu kommen, in der man dann einen entsprechenden Fehler macht.
Können Sie eine Situation beschreiben? Wie agieren die Täter?
Wenn jemand einen Anruf bekommt und hört, dass ein Verwandter in einer Ausnahmesituation ist und dringend Geld benötigt, um sich aus der Situation zu befreien, ist der Angerufene geschockt. Der Grundgedanke des Opfers, in dieser Situation helfen zu wollen, ist ja positiv. Das Opfer glaubt, etwas richtig zu machen. Die Täter sind so geschult, dass sie das Opfer oft stundenlang in einem Gespräch halten und auf den Menschen einwirken. Dabei drücken sie alle Gefühlsknöpfe, die man bei einem Menschen drücken kann.
Das heißt?
Das psychologische Einwirken, um den anderen unter Druck zu setzen, das ist beim Trickbetrug besonders ausgeprägt. Die Opfer werden durch diese Art der Gesprächsführung instrumentalisiert. Sie durchleben eine massive Angst um das Leben eines anderen. Da kommen Gefühle von großer Sorge, Panik und von Endgültigkeit hoch. Das wird von den Tätern schamlos ausgenutzt. Außerdem vermitteln die Täter einen enormen Zeitdruck. Unter diesem Druck wird dann Geld abgehoben oder überwiesen oder eben wie zuletzt hier in Kassel Wertgegenstände an einen Boten oder Amtsträger ausgehändigt.
Man bekommt den Eindruck, als hätten die Opfer oftmals kaum eine Wahl gehabt?
Wenn mich jemand anruft und mir etwas verkaufen will, ist es im Grunde nicht schwer, aufzulegen. Dieser Anruf berührt mich nicht. Bei Schockanrufen befinden sich die Opfer in einer Ausnahmesituation. Da spielt vor allem die emotionale Bindung des Opfers zu der anderen Person eine Rolle. Die Täter hebeln die Gedanken- und Gefühlswelt aus, sodass man neben sich steht.
Wie muss man sich ein stundenlanges Telefonat vorstellen?
Am Anfang wird oft ein Vorname herausgekitzelt. Da fragt der Täter: Haben Sie einen Enkel? Dann lautet die Antwort meist: Ja, der heißt so und so. Man füllt unbewusst den Fragebogen auf der Täterseite aus. Die Täter sind sehr glaubhaft, in dem, was sie sagen und wie sie es sagen. Da übergibt dann jemand den Anruf an einen vermeintlichen Staatsanwalt. Bei einem Schockanruf handelt es sich um ein abgekartetes psychologisches Spiel.
Inwiefern?
Durch das Gespräch entstehen bei den Angerufenen Bilder im Kopf, die die Sorge weiter steigern. Dieser Gedankenstrudel entwickelt eine eigene Dynamik. Viele der Angerufenen sagen, sie waren wie in einem Film und können sich ihr Handeln nicht erklären. Die Täter können so glaubhaft rüberkommen, dass die Opfer die echte Polizei nicht mehr von den falschen Polizisten unterscheiden können. Ich hatte mal einen Fall, wo sich eine Frau selbst hier im Polizeipräsidium noch nicht sicher war, ob sie jetzt mit der richtigen Polizei spricht. Sie hat sich so an den Polizisten am Telefon gebunden gefühlt, dass sie die Realität gar nicht einholen konnte. (Kathrin Meyer)

Zur Person

Kathrin Buttler (50) ist seit 1990 bei der Polizei. Die Oberkommissarin hat viele Jahre als Sachbearbeiterin in verschiedenen Kommissariaten gearbeitet. Nach Weiterbildungen unter anderem im Bereich des Umgangs mit belastenden Ereignissen und deren Verarbeitung ist sie mittlerweile seit 2019 Opferschutzbeauftragte.

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