Coworking: Tagesticket für den Schreibtisch

Lieber unter Bürokollegen als allein im Hotelzimmer: Andreas Lorich (Mitte) an seinem Mietschreibtisch, links daneben Work-Oase-Mitbetreiber Thomas Tietz und Hund Laika. Fotos:  Schwarz

Kassel. Andreas Lorich aus Köln ist einer dieser Arbeitsnomaden unserer Zeit. Der selbstständige Berater in der Fahrzeugindustrie hat derzeit seine Zelte in Kassel aufgeschlagen. Tagsüber ist er im Haus seines Kunden zugange, ab etwa 17 Uhr liegen noch vier Stunden individueller Arbeit an Laptop und Telefon vor ihm.

Dies mag Lorich nicht im Hotel erledigen. Lieber bezieht er für ein paar Euro Tagesmiete einen Schreibtisch in einem Hinterhaus an der Fünffensterstraße - in Kassels erstem so genannten Coworking-Space. Lorich kann dort Drucker, Internetzugang und Teeküche nutzen, hat einen abschließbaren Rollcontainer und Gesellschaft von Menschen, die ebenfalls bloß ihren mitgebrachten Rechner zum Arbeiten brauchen: Ein Programmierer steuert vom Nachbarscheibtisch aus mehrere Internet-Geschäfte, eine Studentin schreibt an ihrer Diplomarbeit.

Irgendwann klappt Andreas Lorich seinen Rechner zu und „weiß, dass ich jetzt Feierabend habe, wenn ich hier weggehe“. Diese räumliche Trennung sei ihm wichtig, sagt der Kölner, der auch in anderen Städten solche Angebote nutzt.

Auch Michael Werner, Vertriebsmann bei einem Übersetzungsdienstleister, geht in der „Work-Oase“ ein und aus. Er schätzt es, dort „ein soziales Umfeld zu haben“ und „nicht nur im eigenen Saft zu schmoren“ wie bei einsamer Heimarbeit. Werner findet es spannend, sich mit anderen Nutzern über deren Projekte auszutauschen - „und ab und zu geht man anschließend auch mal gemeinsam essen.“

Ebenso wie Andreas Lorich ist Werner durch den Internet-Suchbegriff „Coworking“ auf das Kasseler Angebot aufmerksam geworden, das seit Frühsommer existiert. Von anderen temporär mietbaren Büros unterscheiden sich Coworking-Räume vor allem durch einen ausgeprägten Netzwerkgedanken und durch eine unverbindliche Niedrigschwelligkeit. In der Szene werden teils schon Universal-Tickets vertrieben, mit denen man sich heute in Köln und morgen in Münster einen Schreibtisch buchen kann - jeweils nur für die Zeit, in der man den Platz tatsächlich auch braucht. Eine weitere Besonderheit ist, dass man die Kollegen seines Arbeitsalltags gewissermaßen mitmietet.

Ein-Personen-Unternehmer und andere Soloarbeiter, wie man sie in den Räumen an der Fünffensterstraße trifft, bestimmen immer stärker das Erwerbsgeschehen. Zahlen des Nürnberger Instituts für Freie Berufe zufolge verdienen mehr als eine Million Deutsche ihr Geld freiberuflich - das sind doppelt so viele wie vor 15 Jahren, und ihre Zahl steigt weiter. Der aus den USA kommende Coworking-Trend trägt dem Rechnung. Etwa 70 Coworking-Spaces gibt es in Deutschland schon, die meisten in Metropolen wie Hamburg und Berlin.

Der Kasseler Treffpunkt für Arbeitsnomaden ist mit acht Schreibtischplätzen vergleichsweise klein. Dafür gibt es sogar vierbeinige Bürokollegen: Die Hunde Laika und Kitty der Betreiberfamilie Tietz schnuppern immer mal neugierig an den Papierkörben von Andreas Lorich und Michael Werner vorbei.

Das war schon eine verrückte Idee“, erzählt Rolf Tietz über die Gründung des Hauses, hinter dem ein Familienprojekt steckt. Der Kasseler steht seit zwei Jahren nicht mehr im Arbeitsleben und hatte eigentlich einen Raum gesucht, wo er seine 1000 Stücke umfassende Blechdosensammlung in Form eines kleinen Museums präsentieren konnte.

Auch Sohn Thomas war nach seinem Tontechnikstudium auf Raumsuche in Kassel, um ein Musikstudio zu eröffnen. Da stieß die Familie auf ein per Inserat angebotenes Miet-Hinterhaus an der Fünffensterstraße. „Wir fanden das Gebäude sofort klasse“, sagt Thomas Tietz.

Die Idee, dort Mietarbeitsplätze für Job-Solisten und -nomaden zu schaffen, steuerte seine Schwester Katharina bei. Sie lebt in Berlin, wo größere Coworking-Spaces namens Betahaus oder Cluboffice schon seit einiger Zeit bekannt sind.

So änderte sich das Projektmotto in Desktops statt Dosen: Vater und Sohn schauten sich bei zwei Coworking-Räumen im Rheinland an, wie die Sache funktioniert, traten einschlägigen Online-Netzwerken bei und überzeugten ihren Vermieter. In drei Monaten Umbauzeit richteten sie acht Arbeitsplätze, eine Teeküche und einen Seminarraum ein, verlegten die technische Infrastruktur und programmierten eine Internetseite - das wichtigste Element, um als Coworking-Space gefunden zu werden, sagt Thomas Tietz. Er betreibt sein Tonstudio im Nebengebäude und ist daher ohnehin die meiste Zeit für die Nutzer ansprechbar.

Aber auch seine Eltern tun wechselweise Dienst am kleinen Empfangstresen, wo die Kunden ihre Bürozeit buchen. Anna Karthäuser-Tietz genießt die Anregungen, die sich aus dem täglichen Miteinander ergeben und weiß aus ihrem eigenen Berufsleben noch, „wie toll das sein kann, wenn man durch gemeinsames Arbeiten Anregungen bekommt“.

Stichwort: Coworking

Coworking (auch Co-working; englisch für „zusammen arbeiten“) ist ein Begriff, den der US-amerikanische Computerprogrammierer Brad Neuberg im Jahr 2005 geprägt hat. Er steht für das Prinzip, dass Freiberufler, Ein-Mann-Firmengründer und andere Soloarbeiter zeitlich flexibel und für wenig Geld an einem gemeinsamen Ort arbeiten können und sich mit ihren Aktivitäten gegenseitig befruchten.

Die ersten „Coworking-Spaces“ in diesem Sinne entstanden im Raum San Francisco. Mittlerweile gibt es solche Einrichtungen in vielen Städten der USA und zunehmend auch in Europa. Diese moderne Form der Bürogemeinschaft überträgt Prinzipien aus dem Internet ins wahre Erwerbsleben und wird den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt gerecht, auf dem es immer mehr Selbstständige gibt.

Vor allem die Kultur- und Kreativwirtschaft habe Bedarf an Arbeitsräumen, sagt Maria Daskalakis von der Universität Kassel, Mitautorin einer Studie zur Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges für den Raum Kassel. Da könnten Coworking-Spaces ein sinnvoll ergänzendes Instrument sein, weil viele Kreative ein relativ niedriges Einkommen hätten und sich Büro-Fixkosten nicht leisten könnten oder wollten. 40 Prozent dieser Nutzergruppe habe zudem nur in Teilzeit Bedarf für einen entsprechenden Arbeitsplatz.

Von Axel Schwarz

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