Tankstellen-Überfälle: Warum die Tatverdächtigen auf freiem Fuß sind

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Kassel. Zwei der vier jungen Männer, die in der vergangenen Woche drei Tankstellen in Kassel überfallen haben sollen, sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Zwei 19-Jährige, die Geständnisse abgelegt haben, sind allerdings seit Samstagabend wieder auf freiem Fuß.

Dies stößt in der Öffentlichkeit teilweise auf Unverständnis.

Wenn keine Kapitalverbrechen wie Mord oder Totschlag vorliegen, bei denen die Anordnung einer U-Haft keiner besonderen Prüfung bedarf, müssten Haftgründe vorliegen, erklärt Annemarie Wied, Sprecherin der Marburger Staatsanwaltschaft. "Das war bei den beiden 19-Jährigen nicht der Fall." Haftgründe sind insbesondere Fluchtgefahr, Verdunklungsgefahr oder Wiederholungsgefahr.

Haftgrund Fluchtgefahr

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Gegen die 14 und 15 Jahre alten mutmaßlichen Haupttäter der Frankenberger Räuberbande, die für die drei Tankstellenüberfälle verantwortlich sein soll, wurde ein Untersuchungshaftbefehl erlassen, weil Fluchtgefahr besteht. Die beiden 19-Jährigen hätten einen festen Wohnsitz und seien sozial verankert, daher bestehe kein Anlass zu der Vermutung, dass sie vor der Gerichtsverhandlung flüchten könnten, sagt Annemarie Wied. Fluchtgefahr liege etwa vor, wenn jemand schon auf gepackten Koffern sitzt, keinen Wohnsitz habe oder die Gefahr bestehe, dass er sich ins Ausland absetzt.

Alles aufgedeckt

Da beide Männer geständig und die notwendigen Beweise gesichert seien, bestehe auch keine Verdunklungsgefahr. "Es ist zunächst einmal alles aufgedeckt", sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Ein typischer Fall von Verdunklungsgefahr bestehe, wenn konkrete Hinweise vorlägen, dass ein Tatverdächtiger auf eventuelle Mittäter oder Beweismittel so einwirkt, dass die Aufklärung erschwert oder behindert wird. Andere Beispiele sind, wenn mehrere Täter an einer Tat beteiligt waren und nur einer gefasst wurde, oder wenn der Tatverdächtige noch wichtige Unterlagen verschwinden lassen könnte. Im Fall der Tankstellenräuber sei aber auch die mutmaßliche Tatwaffe sichergestellt worden.

Wiederholungsgefahr bestehe bei den beiden 19-Jährigen ebenfalls nicht, weil sie sich - im Gegensatz zu dem 15-Jährigen, der jetzt in U-Haft sitzt - noch keine einschlägigen Delikte zuschulden kommen lassen hätten. "Sie sind geständig und reuig, und es ist nicht zu befürchten, dass sie so weitermachen", sagt Wied.

Verfahren läuft weiter

Nur weil keine Untersuchungshaft angeordnet wurde, sei der Fall für die 19-Jährigen keinesfalls erledigt, betont die Staatsanwältin. "Wir gehen davon aus, dass es keine vier Wochen dauert, bis sie angeklagt sind. Dann gibt es eine Hauptverhandlung und sie bekommen ihre Strafe."

Bei Jugendlichen müsse gemäß dem Jugendgerichtsgesetz die Verhältnismäßigkeit einer möglichen U-Haft besonders geprüft werden, erklärt Annemarie Wied. (rud)

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