Tatort-Reiniger: Kasseler Profis säubern nach Unfällen und Verbrechen

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Aufräumen vor der Säuberung: Die Tatort-Reiniger tragen Schutzkleidung. In dem Geländewagen hat sich ein Mann mit einem Kopfschuss das Leben genommen.

Kassel. In diesem schwarzen Geländewagen hat sich ein Mann mit einem Kopfschuss das Leben genommen. Ob er Familie hatte, wie er hieß und was ihn in den Selbstmord trieb, wissen Alexander Langfeld (27) und seine drei Kollegen nicht. Sie wollen es auch nicht wissen.

Die vier sind Tatort-Reiniger und arbeiten für das Kasseler Bestattungsunternehmen Kracheletz.

Bevor sie mit der Reinigung und Desinfektion des Auto-Innenraumes beginnen, müssen sich die ausgebildeten Bestatter erst einmal umziehen. Schutzanzug, Handschuhe und Mundschutz gehören zur Berufskleidung. „Wir wissen nie, was uns erwartet“, sagt Alexander Langfeld. Die Tatort- und Unfallreinigung mit Sitz an der Arndtstraße in der Unterneustadt macht das, wovor sich andere scheuen.

„Wir waren vor Kurzem in der Wohnung eines drogenabhängigen Messies“, sagt Eduard Rotemel (22), der zum Team gehört. Der ehemalige Bewohner, der kurz zuvor gestorben war, hatte zwanghaft alles gesammelt, was ihm in die Hände kam. Die Wohnung in der Nordstadt sah aus wie eine Müllkippe. Zudem lagen überall Spritzen herum.

Intensive Schulung

„Wer bei einer Tatort-Reinigung arbeitet, braucht vorher eine intensive Schulung“, sagt Herbert Ludwig (52). Der Fachwirt für Hygiene- und Reinigungsmanagement berät Bestattungsunternehmen, Krankenhäuser und Pflegedienste.

Es sei unverantwortlich, einfach den Hausmeister mit der Reinigung einer Wohnung zu beauftragen, in der ein Toter gefunden wurde, sagt er. Das komme leider immer wieder vor. Häufig seien es vereinsamte ältere Menschen, die teilweise Tage, Wochen oder sogar Monate in einer Wohnung liegen. Die müsse dann professionell gereinigt und desinfiziert werden.

Über Ansteckungsgefahren durch Hepatitis C, HIV oder Tuberkulose sind die Tatort-Reiniger informiert. In dem Auto des Selbstmordopfers sind es die Blutspritzer, auf die sie besonders achten. Aber zunächst einmal räumen sie das Auto aus.

Die leeren Dosen von der Rückbank, in denen laut Aufschrift einmal Cola-Asbach war, ein dickes Handbuch der Chirurgie vom Beifahrersitz, Papiertaschentücher, eine halb volle Zigarettenpackung, ein angebissenes Brötchen, zwei Cola-Dosen. Darüber könnte man sich Gedanken machen. „Ich versuche das auszublenden“, sagt Alexander Langfeld. Mit seiner Frau rede er über vieles, aber nicht über die Arbeit.

Die besteht darin, den Geländewagen im Auftrag eines Autohändlers aus Trier in einen hygienisch einwandfreien Zustand zu bringen. Wie viel das genau Kosten wird, hängt vom Aufwand ab. „So zwischen 1000 und 2000 Euro“, schätzt Alexander Langfeld. Wahrscheinlich müssen dann noch die Sitzpolster und der Teppich im Fußraum ausgetauscht werden. Aber das ist nicht mehr Aufgabe der Tatort-Reiniger.

Hintergrund: Zusammenarbeit mit der Polizei

Tatort- und Unfallreiniger arbeiten oft mit der Polizei zusammen. Sie werden nach Unfällen verständigt und nach Verbrechen, wenn die Polizei den Tatort freigegeben hat.

Auch Wohnungen, in denen längere Zeit ein Leichnam gelegen hat, werden von ihnen gesäubert. Zudem reinigen sie sogenannte Messie-Wohnungen, die völlig vermüllt sind. Zum Einsatz kommen Spezialreiniger und Mittel zur Geruchsneutralisierung.

Die Tatort-Reiniger arbeiten nie allein, sondern mindestens im Zweier-Team. Sie müssen über die Regelungen des Infektionsschutzgesetzes und des Bestattungsgesetzes Bescheid wissen. (tos)

Internet: www.tatortreinigung-hessen.de

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