Lieder von Frank Sinatra bis Stevie Wonder

Singender Taxifahrer: Dieser Mann macht seinen Wagen zur Bühne

+
Taxi in Kassel: Früher wurde Stanislav Mickevic auf Opernbühnen gefeiert, heute fährt der er Taxi. Im Wagen singt er nun für seine Gäste.

Taxi in Kassel: Früher wurde Stanislav Mickevic auf Opernbühnen gefeiert, heute fährt er Taxi. Seine Fahrgäste erleben eine Fahrt der besonderen Art. 

  • Stanislav Mickevic war früher Opernsänger am Staatstheater Kassel
  • Seit seiner Kündigung arbeitet er als Taxifahrer 
  • Wenn er mit dem Taxi in Kassel unterwegs ist, bereitet er den Fahrgästen ein Erlebnis der besonderen Art

Kassel - Wenn Leute zu Stanislav Mickevic ins Taxi steigen, fangen sie meist an zu lachen. Denn wenn das Fahrtziel feststeht, sagt der 60-Jährige: „Ich bin ehemaliger Opernsänger und möchte etwas singen.“ 

Die allermeisten sind dann begeistert. Eine Frau, die sich von Mickevic ins Staatstheater fahren ließ, staunte nach dem Vortrag des französischsprachigen Chansons „Tombe la neige“ und schrieb uns: „Wir waren von den Socken.“

Taxi in Kassel: Führer Opernsänger - heute Taxifahrer  

Früher sang der aus dem westrussischen Smolensk stammende Familienvater selbst am Staatstheater. 13 Jahre gehörte er dem Opernchor an – bis ihm 2013 gekündigt wurde. 

Er hatte eine Probe verpasst, eine andere vorzeitig verlassen und „ein paar Abmahnungen erhalten“, wie der Taxifahrer sagt. Fragt man ihn, was genau passiert ist, antwortet er: „Wir sind alle Menschen. Ein Jahr später wäre ich unkündbar geworden.“

Von einem Tag auf den anderen änderte sich für Mickevic aus Kassel alles. „Singen war mein ganzes Leben“, sagt der Sohn eines russischen Militäroffiziers, der in Taschkent ein Automobilingenieurstudium absolvierte, ehe er am Moskauer Konservatorium sein Diplom als Sänger machte. Nach einem dritten Platz beim renommierten russischen Glinka-Wettbewerb träumte er von einer Solokarriere.

Taxi in Kassel: Das Taxi ist der einzige Ort, an dem Mickevic singen kann 

Stattdessen bekam er nach dem Umzug nach Deutschland und einem Engagement in Eisenach eine Stelle im Opernchor Kassel. Über die Kündigung dort ist Mickevic auch nach sieben Jahren noch nicht hinweg. Über die Zentrale Künstlervermittlung bewarb er sich zum Vorsingen an anderen Opernhäusern, doch wenn sie in den Personalabteilungen sein Geburtsjahr sahen, winkten sie ab.

Also wurde er Taxifahrer: „Ich drehe gern am Lenkrad.“ Seit fünf Jahren fährt er ausschließlich nachts Taxi und macht aus dem Wagen eine Konzerthalle. Es ist der einzige Ort, an dem er singen kann. Zu Hause in der Herkulesstraße, wo er mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt, sind die Wände so dünn, dass sich die Nachbarn beschweren. Und einem Laienchor will er nicht beitreten: „Wieso sollte ich jetzt mit Amateuren singen?“

Mit dem Taxi in Kassel unterwegs: Er singt alles außer Oper

Auf sein Handy hat er sich Dutzende Instrumentalversionen geladen – von Stücken aus seiner Heimat wie „Moskauer Fenster“ über Frank Sinatra bis zu Stevie Wonder. Die spielt er in seinem Taxi über einen Bluetooth-Lautsprecher ab und lässt dazu seinen baritonalen Bass erklingen. Nur Opernarien singt er nicht mehr auf seinen Fahrten durch Kassel: „Oper ist mir zu langweilig und schwer.“

Anders als der singende vietnamesische Taxifahrer Thanh Nguyen, der in Kassel mit Helene Fischer am Steuer Deutsch gelernt und damit Schlagzeilen gemacht hat, ist Mickevic wählerisch*. Deutsche Titel etwa singt er gar nicht in seinem Taxi. 

Seinen Gästen gefällt die Auswahl. Nur manchmal sagen Leute, sie hätten Kopfschmerzen und wollten ihre Ruhe. Die meisten aber spenden Beifall und auch mal ein Trinkgeld. „Wenn Leute begeistert sind, fühle ich mich wie im siebten Himmel“, sagt Mickevic.

Kasseler Taxifahrer übt Deutsch mit Schlagermusik

Taxi in Kassel: Nicht der Typ für Gesangsunterricht  

Er könnte auch Gesangsunterricht geben, wie es seine Frau in Kassel tut. Aber er weiß, dass er dafür nicht der Typ ist. Also fährt er Taxi, singt weiter und ahnt: „Es wird nicht klappen, dass ich auf die Opernbühne zurückkehre.“ 

Es sei denn, einer seiner Gäste entdeckt ihn und verhilft ihm zu einem Comeback wie Paul Potts. Der britische Opernsänger wurde einst vom Handy-Verkäufer zum internationalen Star. Auch Mickevic liefert eine rührselige Geschichte, die zu einer wundersamen Rückkehr passen würde.

Eine Polizeikontrolle in Kassel zog zahlreiche Anzeigen für Minicar-Fahrer hinter sich*. 15 Minicars wurden kontrolliert, es kam zu vielen Verkehrsverstößen.  

Von Matthias Lohr

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.