„Rettungswagen wären viel teurer“

Taxi- und Mietwagenfirmen wollen für Konditionen der AOK nicht mehr fahren

Lehnen das AOK-Angebot ab: Matthias Hörning vom Fachverband Pkw-Verkehr und die Taxi-Unternehmer Gudrun Cöster-Schmidt, Rolf Freudenstein und Matthias Tschernich (von links). Foto: Ludwig

Kassel / Kreis Kassel. Bislang ist die Krankenfahrt auf Transportschein für die Patienten unkompliziert. Sie müssen dafür selbst nicht die Kosten tragen, die Taxifirmen rechnen direkt mit den Krankenkassen ab.

Rolf Freudenstein, Chef des größten Kasseler Betriebs Taxi-Service-Zentrale, prognostiziert, dass sich dies für AOK-Patienten bald ändern könnte.

Wenn die AOK ihr Angebot nicht nachbessere, würden die Transportscheine der AOK-Patienten irgendwann nicht mehr akzeptiert. „Dann müssen die Patienten bar zahlen und mit der Kasse verhandeln, wie sie ihr Geld wiederbekommen. Wir werden erpresst von der AOK, die uns ihre Verträge diktiert“, sagt Freudenstein. Am Ende müssten sich die Patienten mit den Taxi-Fahrern herumärgern, obwohl der Schuldige woanders sitze.

Hintergrund

Die regulären Taxi-Tarife

Ohne Transportschein kostet eine Taxifahrt in Kassel pro km: 3,30 Euro (bis 1 km), 1,60 Euro (2 bis 16 km), 1,80 Euro (ab 16 km). Die Tarife sollen wegen des Mindestlohns ab 2015 erhöht werden. (bal)

Das Geschäft mit den Krankenfahrten ist für viele Taxi- und Mietwagenfirmen existenziell. Im Kreis machten die sogenannten Sitzend-Krankenfahrten etwa 80 Prozent des gesamten Geschäfts aus, sagt Gudrun Cöster-Schmidt, Taxi-Unternehmerin aus Grebenstein. Um für die AOK zu fahren, müssten die Betriebe aber noch Geld mitbringen. Die angebotenen 1,08 Euro pro mit einem Patienten besetzten Kilometer seien nicht auskömmlich.

„Für das Geld müssen wir viel Service bieten. Wir sollen den Patienten für eine Pauschale von 1,80 Euro abholen, ihn transportieren, einen Parkplatz suchen, den Fahrgast in die Krankenstation oder Arztpraxis begleiten und uns dort den Transport quittieren lassen. Die Abfahrt bekommen wir nicht bezahlt. Wir können nicht warten, bis die ärztliche Behandlung fertig ist“, sagt Cöster-Schmidt.

Matthias Hörning vom Fachverband Pkw-Verkehr hält das Angebot der AOK für eine Frechheit. Nur selbstfahrende Unternehmer könnten sich darauf einlassen. „Die brauchen auch ab 2015 keine Rücksicht auf den Mindestlohn zu nehmen und können auch für vier Euro die Stunde fahren“, sagt Hörning.

Mit der von der AOK angedrohten Vertragsstrafe bei Nichteinhaltung des Mindestlohns wolle diese sich nur der Auftraggeberhaftung entziehen. Denn der Mindestlohn von 8,50 Euro sei ohnehin ab 2015 Gesetz und müsse vertraglich nicht geregelt werden. Wenn ein Taxiunternehmer wegen der schlecht bezahlten Krankenfahrten keinen Mindestlohn zahlen könne, sei es laut AOK-Vertrag sein Problem und die Krankenkasse könne ihre Finger in Unschuld waschen. Dabei ersparten ihr Taxis und Mietwagen viel Geld. „Ein Transport mit Rettungswagen wäre viel teurer.“

Beispielrechnung

Diese Beispielrechnung soll zeigen, wie sich die angebotenen Tarife der AOK auswirken. Angenommen ein Taxifahrer soll eine Dialyse-Patientin von ihrer Wohnung in Bad Wilhelmshöhe zum Klinikum bringen und später wieder zu Hause absetzen. Die AOK würde Folgendes bezahlen:

• 1,80 Euro pauschal für die Anfahrt. Egal wie weit der aktuelle Taxi-Standort entfernt ist.

• 1,08 Euro pro besetztem Kilometer. Das sind in dem Fall je etwa sechs Kilometer für Hin- und Rückfahrt. Also 12,96 Euro. Abholung und Ablieferung in der Station sind inklusive. Die AOK schließt aber nur Mietwagenverträge ab, so beträgt die Netto-Vergütung abzüglich der Steuer nur 0,875 Cent / km. Also 12 mal 0,875 = 10,50 Euro + 1,80 Pauschale = 12,30 Euro. Davon müssen ein Stundenlohn von 8,50 Euro, Kraftstoff und Fahrzeugkosten bezahlt werden.

Von Bastian Ludwig

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