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„Telegram hat Demokratierelevanz“: Falschinformationen in Messengerdiensten eindämmen

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Von: Katja Rudolph

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Sammelbecken nicht nur für „Querdenker“: Über den Messengerdienst Telegram werden Falschnachrichten und Hassbotschaften verbreitet.
Sammelbecken nicht nur für „Querdenker“: Über den Messengerdienst Telegram werden Falschnachrichten und Hassbotschaften verbreitet. © Sergej Konvow/dpa

Was tun gegen falsche und irreführende Informationen, die massenhaft in Messengerdiensten wie Telegram verbreitet werden?

Kassel – Dieser Frage widmen sich Wissenschaftler der Uni Kassel in einem Forschungsprojekt. Mindestens so schnell wie das Coronavirus verbreiten sich in der Pandemie auch Fehlinformationen und Verschwörungserzählungen. Gerade der Messengerdienst Telegram ist zum Sammelbecken der sogenannten „Querdenker“-Bewegung geworden. Massenhaft werden dort Falschnachrichten und Hassbotschaften geteilt – nicht nur zum Thema Corona. Ein Forschungsprojekt mit Kasseler Beteiligung untersucht nun, wie sich Desinformation in Messengerdiensten verbreitet und wie man sie bekämpfen kann.

Während Fake News in den vergangenen Jahren vor allem über soziale Medien wie Facebook und pseudojournalistische Webportale transportiert wurden, verlagere sich das Problem zunehmend in Messengerdienste, sagt Tahireh Setz, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Öffentliches Recht, IT- und Umweltrecht der Universität Kassel. Je nach Anbieter gibt es entscheidende Unterschiede: Während bei Whatsapp einer Chatgruppe maximal 256 Teilnehmer beitreten können, sind es bei Telegram bis zu 200 000. Von einem privaten Nachrichtenaustausch könne da keine Rede mehr sein, sagt Fachgebietsleiter Prof. Dr. Gerrit Hornung: „So eine Massenverbreitung hat Demokratierelevanz.“

Falschinformationen sollen künftig automatisiert auf Telegram erkannt werden

In dem auf drei Jahre angelegten Projekt „Dynamo“ (Dynamiken der Desinformation erkennen und bekämpfen) arbeiten die Kasseler Rechtswissenschaftler fachübergreifend zusammen mit Informatikern, Kommunikationswissenschaftlern und Sozialpsychologen. Beteiligt sind unter der Koordination des Darmstädter Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie (SIT) auch die Uni Duisburg-Essen und die Hochschule der Medien Stuttgart. Der Bund fördert das Vorhaben mit insgesamt 1,6 Millionen Euro, von denen 290 000 Euro an die Uni Kassel gehen.

In einem ersten Schritt werden dabei große Datenmengen aus öffentlichen Chatverläufen bei Telegram analysiert. Dabei wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mithilfe künstlicher Intelligenz Muster der Verbreitung untersuchen, mit dem Ziel Desinformation künftig auch automatisiert erkennen zu können. Zudem werden inhaltliche Eigenschaften und die Rolle von Emotionen für die Wirkung von Falschnachrichten untersucht ebenso wie ihre Verbreitungswege von Telegram und Co. in andere soziale Medien. Basierend auf diesen Erkenntnissen will das interdisziplinäre Forschungsteam Strategien zur Bekämpfung von Desinformation entwickeln.

Telegram-Projekt soll digitale Medien demokratischer machen

Der Kasseler Beitrag wird dabei die Untersuchung und Bewertung rechtlicher Fragen sein. Dabei gehe es etwa um die grundrechtskonforme Behandlung von Messengerdiensten mit deren Hybridfunktion zwischen privater Kommunikation und massenhafter Vervielfältigung, sagt Professor Hornung. So gelte es Fernmeldegeheimnis, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit sowie freie Willensbildung abzuwägen gegen die demokratiegefährdende Wirkung von Fake News und Hassrede.

Allein die rechtliche Einordnung von Falschinformation sei dabei komplex – insbesondere wenn der Absender an deren Wahrheit glaube. „Aber auch eine klassische Lüge ist keine Straftat“, betont der Jurist.

Neben den Urhebern von Falschnachrichten gelte es auch, die Plattformbetreiber stärker mit in die Verantwortung zu nehmen. Durch rechtliche und technische Maßnahmen könne etwa auf das Sichtbarmachen von Rede und Gegenrede hingewirkt und so das Risiko verringert werden, dass Nutzer in sogenannte Filterblasen geraten, sagt Doktorandin Setz. Insofern biete das Projekt auch die Chance, digitale Medien mit ihrem Potenzial, allen Menschen eine Stimme zu verleihen, wieder demokratischer zu machen. (Katja Rudolph)

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