Amtsgericht setzt Stalkingprozess gegen 42-Jährige aus - Psychiatrisches Gutachten

Terror gegen Ex-Geliebten - Stalkingprozess

Kassel. Schon nach wenigen Worten der Angeklagten fährt der Anklagevertreter zum ersten Mal aus der Haut: „Das ist doch alles papperlapapp, was Sie hier erzählen“, schimpft Oberamtsanwalt Werner und kann sich kaum mehr beruhigen.

Weil sie eine Familie in Waldau mit Stalking und Bedrohungen regelrecht terrorisiert hat, ist die 42-Jährige auf der Anklagebank bereits 2009 zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Trotzdem soll sie danach nahtlos weitergemacht haben – und muss sich deshalb erneut vor dem Amtsgericht verantworten. Zehn Fälle des Nachstellens, der Bedrohung und Beleidigung werden ihr zur Last gelegt.

Doch die Frau gibt sich auf- und abgeklärt: Sie habe aufgehört, die Familie zu verfolgen. Dass sie wenige Wochen nach ihrer Verurteilung umgezogen sei und seitdem nur drei Straßen von ihren Opfern entfernt wohne, sei reiner Zufall. Genau wie sämtliche Begegnungen.

„Ich lebe mein Leben, und er lebt seines“, sagt die 42-Jährige. Er – das ist der Familienvater und das eigentliche Ziel ihrer Nachstellungen: Ein Arbeitskollege, mit dem sie, so erzählt sie es, vor einigen Jahren eine Affäre gehabt habe.

„Er wollte Fantasien ausleben, ich habe mich ein bisschen benutzt gefühlt“, sagt sie. „Dann ist es eskaliert bis zur heutigen Geschichte.“

Die Frau stürzte in eine Depression, wegen der sie noch heute arbeitsunfähig ist, überzog ihren Ex-Geliebten mit Drohanrufen, kündigte an, die ganze Familie „abzustechen“. Oder zumindest das Kind – den „Kinderwanst“, wie sie es zu nennen pflegte. Das war bis 2009. Dann wurde sie verurteilt. Und der Familie durfte sie sich fürderhin nicht mehr nähern.

„Die Angeklagte hat gleichwohl ihre Übergriffe fortgesetzt“, heißt es nun in der Anklage. Von gezieltem Vorbeifahren am Haus ihres ehemaligen Geliebten ist die Rede, von Kontaktaufnahme über das Internet, von Anrufen und Beleidigungen. Die Frau aber will von alledem nichts wissen.

„Ich habe nichts mehr in der Richtung geäußert, keine Bedrohung, nichts.“ Ähnliches muss sie auch verkündet haben, als sie im vergangenen Sommer von der Polizei aufgesucht und ermahnt wurde: Die 42-Jährige sei „völlig beratungsresistent“, notierten die Beamten nach ihrem Besuch.

Oberamtsanwalt Werner aber kommt nach dem Auftritt der Angeklagten vor Gericht zu einer anderen Vermutung: Die Frau sei krank – und deshalb möglicherweise nur eingeschränkt schuldfähig. Oder sogar eine Gefahr für die Allgemeinheit und deshalb ein Fall für die Unterbringung in der Psychiatrie.

Wie die Frau wirklich tickt, soll nun ein psychiatrischer Sachverständiger herausfinden. Bis das Gutachten vorliegt, wird das Verfahren ausgesetzt.

Von Joachim F. Tornau

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