Amtsgericht Kassel hat einen 30-Jährigen verurteilt

Terrordrohung in Kassel war Racheakt an KVG: Video in Tram führte zum Täter

Kassel. Die islamistische Terrordrohung, mit der im März 2017 ein Blutbad in der Königsstraße angekündigt wurde, entpuppte sich am Donnerstag vor dem Amtsgericht als der Racheakt eines psychisch kranken Kasselers an der KVG.

Wegen Störung des öffentlichen Friedens verurteilte Amtsrichterin Focke den 30-jährigen Angeklagten zu neun Monaten Haft auf Bewährung. Außerdem muss er seine Therapien fortsetzen und 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Teilweise unter Tränen hatte der schwergewichtige große Mann gestanden, im März einen Din-A-4-Computerausdruck an der Straßenbahn-Endhaltestelle „Wilhelmshöhe Park“ hinterlegt zu haben. Darauf kündigte er im Namen Allahs einen tödlichen Terroranschlag an einem Samstagnachmittag in der Königsstraße an. Das Schriftstück hatte sich über Facebook in Windeseile verbreitet und für erhebliche Unruhe in der Bevölkerung und bei KVG-Fahrern gesorgt, von denen einige nicht zum Dienst kamen.

Mit islamistischem Terror aber hatte das von der Polizei schnell als „schlechter Scherz“ bewertete Schreiben nichts zu tun. Der gebürtige Kasseler war wütend auf die KVG, weil die ihm angebliche Verspätungen nicht mit Geld ausglich und ihn in Schreiben „unverschämt und unfreundlich“ behandelt habe.

Die Autoren von anonymen Hassbotschaften und wilden Drohungen bleiben meist im Verborgenen, bekommen nur selten ein Gesicht. Im Fall der vorgeblich islamistischen Drohung mit einem Terroranschlag in der Kasseler Innenstadt war das gestern anders.

Doch das sich vor dem Amtsgericht offenbarende Gesicht ist das eines psychisch kranken 30-Jährigen mit dem Gemüt eines Jugendlichen, der sich mit „Wut im Bauch“ an der KVG rächen wollte.

Der schwergewichtige, große junge Mann war in Begleitung seines Betreuers erschienen, der ihm seit fast 20 Jahren vom Gericht zur Seite gestellt wird. Verteidiger Dieter Keseberg gelang es schnell, dem ganzen Verfahren den Geruch islamistischer Terrorgefahr zu nehmen, der gleich zwei Fernsehteams angelockt hatte.

„Eigentlich“, so Keseberg, „müsste mein Mandant nach Jugendstrafrecht verurteilt werden, aber das geht natürlich nicht.“ Teilweise unter Tränen hatte der gebürtige Kasseler beschrieben, wie er den Text (siehe Foto) auf seinem PC geschrieben, ausgedruckt und dann gleich wieder gelöscht hatte. Den Zettel legte er an der Endhaltestelle der Tram-Linie zum Bergpark auf die Bank und fuhr mit der Bahn zurück in den Vorderen Westen.

Video der Überwachungskamera führte zu dem Täter

Die Polizei, die das Schreiben schnell als nicht ernst gemeint und „schlechten Scherz“ einstufte, war ihm über die Überwachungskamera der Tram schnell auf die Spur gekommen. Zudem gab es Ähnlichkeiten zu den zahlreichen Schreiben des Angeklagten an die Verkehrsgesellschaft.

„Sie haben eine riesige Maschinerie in Gang gesetzt“, sagte Richterin Focke. KVG-Fahrer meldeten sich krank, Menschen verzichteten auf die Fahrt in die Innenstadt, nachdem die Terrordrohung im Internet kursierte.

„Ich habe nicht richtig nachgedacht, war nur wütend. Es tut mir leid“, sagte der Angeklagte unter Tränen.

Rubriklistenbild: ©  privat/nh

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