„Das ist wie ein Weltrekord“

Theaterstübchen Kassel ist als bester Club Deutschlands ausgezeichnet worden

Markus Knierim steht vor dem Club Theaterstübchen, im Hintergrund steht sein „Jazz-Taxi“, ein Citroën DS Baujahr 1968
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Den Jazz im Blick: Markus Knierim mit seinem „Jazz-Taxi“, einem Citroën DS Baujahr 1968, vor seinem Theaterstübchen.

Das Theaterstübchen in Kassel ist mit dem Spielstättenförderpreis „Applaus“ in der Kategorie „Programm“ und dem Hauptpreis ausgezeichnet worden. Wir sprachen mit Chef Markus Knierim.

Herzlichen Glückwunsch! Das Theaterstübchen hat nicht nur den Applaus in der Kategorie „Programm“ gewonnen, sondern auch den Hauptpreis für das beste Programm erhalten und damit Spielstätten wie das A-Trane in Berlin oder das Bix in Stuttgart hinter sich gelassen. Wie sehr hat Sie die Auszeichnung überrascht?
Das kam absolut aus heiterem Himmel. Ich habe das Schreiben per Mail bekommen und erst einmal geschrien, weil ich mich so sehr gefreut habe, dass das Theaterstübchen zum vierten Mal hintereinander ausgezeichnet worden ist. Abends, als ich mich ein bisschen beruhigt hatte, wollte ich noch einmal nachlesen, wann die Preisverleihung ist. Und da habe ich erst gesehen, dass meine Bewerbung besonders aufgefallen sei und ich auch noch Hauptpreisträger bin. In so einem Moment geht einem alles durch den Kopf – wie alles anfing, die ganze Geschichte. Und dann, nach 25 Jahren, wirst du ausgesucht, von einer Jury, die dich nicht kennt, das beste Programm gemacht zu haben. Das hat mich einfach völlig umgehauen.
Es war auch nicht der erste Preis…
Ja, ich habe viele tolle Preise gewonnen und jeder für sich war sehr wertvoll. Aber der Hauptpreis des Spielstättenförderpreises ist eigentlich der wertvollste – auch, oder gerade weil er nicht dotiert ist. Das ist wie ein Weltrekord bei Olympia, etwas, was dir keiner mehr nehmen kann.
Was ist das „Geheimrezept“ – wenn es denn ein solches gibt, um sich gegen die bundesweite Konkurrenz durch zu setzen?
Grundsätzlich tritt im Theaterstübchen nur derjenige auf, den ich mag. Es ist für mich immer wichtig, dass ich die Künstler selbst ansage. Und wenn ich mir vorstelle, ich müsste jemanden ansagen, bei dem ich gar nicht die richtigen Worte finde, wäre das für mich undenkbar. Der Spielstättenförderpreis Applaus wird für eine gute Mischung vergeben und für die Förderung regionaler und junger Künstler. Das hat sich ausgezahlt. Katja Friedenberg hat beispielsweise mit zwölf Jahren im Theaterstübchen zum ersten Mal auf der Bühne gestanden. Triosence hatten ihr allererstes Konzert bei mir. Außerdem gehören für mich auch die Schulen dazu, mit einigen haben wir schon lange eine Kooperation.
2019 fanden im Theaterstübchen rund 225 Konzerte statt, viele regionale Acts, aber auch internationale Stars. Was war das Entscheidende bei der Auswahl?
Vor allem die Förderung des Nachwuchses. Ich appelliere an die Lehrer, ihre Schüler zu uns zu schicken, denn die kann ich ja gar nicht alle kennen. Und ein Grundsatz dabei ist für mich, dass die regionalen Nachwuchskünstler genauso behandelt werden wie beispielsweise ein Till Brönner oder Sheila E. Die bekommen genau die gleichen Mikrofone, die gleichen Monitore und das gleiche Pult, an dem sich unser Tonmeister Rolf Dressler die größte Mühe gibt, egal wer auf der Bühne steht. Und das trägt sich weiter.
In wieweit?
Ein wichtiger Aspekt ist, dass Kassel strategisch günstig liegt und ich das von Anfang an genutzt habe. Viele kommen auf der Durchreise aus Nord, Süd, Ost und West in Kassel vorbei. Und warum sollen die dann nicht hier einen Stopp einlegen und mit einem weiteren Auftritt ein bisschen Geld verdienen, anstatt Leerlauf zu haben. So hat das Ganze angefangen, ich habe alle angeschrieben und gesagt, sie sollen die Künstler bei mir rausschmeißen, die haben Übernachtung und Essen und obendrein gibt es noch Geld – anstatt Leerlauf im Hotel.
Der Jazz hat in der Vergangenheit eine Verjüngung erlebt, regionale Formationen wie Level Eleven oder Joern and the Micheals sind gute Beispiele dafür. Wie verändert sich die Clubszene allgemein?
Ich würde mir viel mehr junge Leute bei den Jazz-Konzerten wünschen. Ich habe seit drei Jahren mit dem Asta der Uni eine Kooperation mit dem Kultur-Ticket. Ich würde mir wirklich wünschen, dass wir jeden Abend zehn Studenten hier haben, aber leider haben wir das nicht. Jazz ist cool und kommt wieder, das merke ich, aber ich würde mir sehr wünschen, dass das jüngere Publikum sich auch die hochkarätigen Sachen anschaut – mit dem Kultur-Ticket könnten sie das sogar umsonst, oder zahlen zehn bis fünfzehn Euro. Bei den lokalen Künstlern ist die Hütte voll, aber wenn dann zum Beispiel das Jakob Manz Projekt kommt, oder das Joey Alexander Trio, die gerade richtig angesagt sind, bin ich mal gespannt, wie viele junge Zuschauer im November da sind.
Wie hoch ist der Altersdurchschnitt des Theaterstübchen-Publikums?
Das kann ich genau sagen: 50,35 Jahre. Der ist tatsächlich in den letzten Jahren runter gegangen.
Wird das Publikum nach Corona zurückkommen?
Meine Prognose ist, dass ab Frühjahr 2022 alles wieder normal laufen wird. Was vorher ist, ob die Leute sich im Herbst in geschlossene Räume setzen, ich weiß es nicht.
Was ist das nächste Ziel?
Wir haben so viel erreicht und sind eigentlich ganz oben. Das Wichtigste ist, das Level zu halten und nicht nachzulassen, das war immer und ist auch weiterhin mein Anspruch. (Kirsten Ammermüller)

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