Blick ins Jahr 1953

Theodor Heuss zum 1. Mai bei Henschel in Kassel zu Besuch

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Ausfahrt im Cabriolet: Bundespräsident Theodor Heuss (links) und Firmenchef Oscar Robert Henschel am 1. Mai 1953.

Kassel. Das Ereignis war so ungewöhnlich und für das Unternehmen bedeutsam, dass es in einer Festschrift für die Mitarbeiter dokumentiert wurde. Am 1. Mai 1953, einem Freitag, besuchte Bundespräsident Theodor Heuss die Firma Henschel in Kassel.

Mit 9200 Mitarbeitern war das Familienunternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu einem der wichtigsten Produzenten von Lokomotiven und zunehmend auch Lastwagen geworden. Heuss zeichnete den Firmenchef Oscar R. Henschel und 21 Henschelaner - die meisten von ihnen gehörten der Firma seit mehr als 50 Jahren an - mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Das war eine Anerkennung für die Erfolge des Wiederaufbaus und sollte Mut machen. Acht Jahre nach Kriegsende waren die Spuren der Bombenangriffe überall sichtbar. Auch auf dem Friedrichsplatz, wo Heuss an diesem Tag noch eine Ansprache hielt. Die „unzerstörte und unzerstörbare Landschaft“, die er bei der Anreise gesehen habe, könne nur ein schwacher Trost vor dem Anblick der Ruinen sein, sagte der Bundespräsident damals.

Ansprache in der Lokomotivhalle: Tausende von Henschelanern hörten Bundespräsident Theodor Heuss (vorn am Rednerpult) am 1. Mai 1953 zu.

Für den Besuch hatten die Henschelaner eine große Lokomotiv-Montagehalle ausgeräumt und geschmückt. 350 Lehrlinge standen Spalier, die Halle war mit den Fahnen der zahlreichen Länder geschmückt, in die Henschel seine Erzeugnisse lieferte. Zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens stattete ein Staatsoberhaupt der Firma einen Besuch ab, sagte Firmenchef Oscar R. Henschel bei der Begrüßung. Selbst der hessische Kurfürst habe nichts von Henschel wissen wollen, weil ihm die Schornsteine zu sehr qualmten. „Dazu kam, dass mein Großvater einen Bart trug, der ihm den Ruf eines Demokraten einbrachte“, wird der Firmenchef in der Festschrift zitiert.

Der nutzte damals die Gelegenheit, dem Gast aus der Politik einige Wünsche mit auf den Weg zu geben. In vielen Ländern werde der Lokomotivbau direkt oder indirekt subventioniert, kritisierte er. In Verbindung mit den hohen deutschen Stahlpreisen lägen deshalb die eigenen Preise 20 bis 30 Prozent über denen der ausländischen Konkurrenz. Deshalb brauche man die Unterstützung der Politik. Viel zu zögerlich seien zudem die Bestellungen der Bundesbahn, die mit veraltetem Gerät unterwegs sei.

Der Hilferuf verhallte jedoch ungehört. Am 1. Mai 1953 ahnte noch niemand, dass die Familientradition an der Spitze von Henschel bald zu Ende gehen würde. Bereits vier Jahre später schied Oscar Robert Henschel aus dem angeschlagenen Unternehmen aus.

Von Thomas Siemon

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