Therapeuten-Interview: Umgang mit Legasthenikern noch nicht ideal

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„Tiega“ statt Tiger: Die 12-jährige Annika arbeitet gemeinsam mit Helmut Augst und Sozialpädagogin Katrin Hörning an ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Kassel. Legastheniker müssen neben Schule und Beruf auch im Alltag viele Hürden überwinden. Beim Blick in die Speisekarte oder beim Lesen von Hinweisschildern können diese Menschen mit einer gravierenden Störung des Erwerbs der Schriftsprache auf große Probleme stoßen.

Helmut Augst kümmert sich seit 30 Jahren mit seinen Mitarbeitern im Kasseler Therapie-Institut Legato am Königsplatz um die Betroffenen. Wir nutzten diesen Jahrestag, um mit dem 58-Jährigen über die Entwicklungen im Umgang mit Legasthenikern und die Fortschritte in der Therapie zu sprechen.

Herr Augst, wie wurden Legastheniker vor 30 Jahren wahrgenommen?

Helmut Augst: Vor 30 Jahren war die Legasthenie in der Wissenschaft längst bekannt. Aber in den Schulen wurden betroffene Kinder oft als lernschwach, faul oder unkonzentriert registriert. Ich hatte zu dieser Zeit Schüler in der Therapie, die mit einem Intelligenzquotienten von 120 auf eine Sonderschule geschickt wurden.

Wie hat sich der Umgang mit Legasthenikern verändert?

Augst: Wenn heute bei einem Schüler Legasthenie festgestellt wird, ist geregelt, dass ihm Möglichkeiten gegeben werden, diesen Nachteil auszugleichen. Etwa längere Bearbeitungszeiten oder die Hinzunahme von Hilfsmitteln. Doch die Schere zwischen Theorie und Praxis ist noch nicht geschlossen. Das hängt von den Lehrkräften ab.

Was erwarten Sie von den Lehrern?

Augst: Dass sie Vorurteile überwinden und ihren Spielraum ausnutzen. Natürlich ist es schwierig, mit einem fehlerdurchzogenen Text in einer fürchterlichen Schrift umzugehen. Doch hier sollten Lehrer nicht gleich davon ausgehen, dass das Kind sich nicht bemüht hat. Legastheniker sind weder dumm noch faul, sie brauchen nur etwas Hilfe. Etwa, indem man ihnen die Aufgabenstellung einer Klassenarbeit vorliest. Ein Lehrer würde Hilfen wie Brillen oder Hörgeräte ja auch nicht untersagen. Es gibt einzelne Lehrer, die sehr engagiert sind. Aber auch solche, die sich gar nicht mit der Legasthenie befassen.

Also sind die Bedingungen noch nicht ideal?

Augst: Nein, es sind noch viele Schritte zu gehen. Die Hürden sind zu hoch, um als Legastheniker erkannt und gefördert zu werden. Um finanzielle Unterstützung zu erlangen, muss die Integration des Kindes in die Gesellschaft gefährdet sein. Ist das Kind aber etwa in einem Verein tätig, kann es passieren, dass diese Gefahr deshalb ausgeschlossen und das Kind nicht gefördert wird. Das darf nicht sein.

Was können Eltern tun?

Augst: Sie sollten sich über Legasthenie schlaumachen und ihr Kind besonders in der Grundschulzeit beobachten. Und in der Familie nachforschen: Legasthenie ist eine Anlagenstörung, die von Geburt an auftritt und erblich ist.

Von Sebastian Lammel

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