Reisebüros in Nordhessen haben viel zu tun

Thomas Cook: Hat der Tourismus-Riese den Wandel verschlafen?Kunden bangen um ihren Urlaub

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Eigene Filiale in Kassel: das Thomas-Cook-Reisebüro im Einkaufszentrum Dez.

Wenige Tage vor Beginn der Herbstferien sehen im Raum Kassel viele hundert Urlauber ihre geplanten Reisen in Gefahr. Hat der Tourismus-Riese den Wandel verschlafen?

Standpunkt: Thomas Cook hat den Wandel verschlafen

Der Tourismus-Riese Thomas Cook hat den Wandel verschlafen, meint HNA-Redakteur Marcus Janz - ein Kommentar zur Pleite:

Thomas Cook, der älteste Reisekonzern der Welt, ist pleite. Allein 140.000 Deutsche sind im Urlaub gestrandet – und es sind noch keine Herbstferien. Tausende Kunden von Thomas Cook und seinen Tochtergesellschaften wissen nun nicht, ob sie ihre geplante Reise überhaupt antreten können. 

Es war ein Kollaps mit Ansage. 2011 stand Thomas Cook schon einmal am Abgrund und wurde nur mit einer Finanzspritze der Banken gerettet. Seitdem haben weit über eine Milliarde Euro Schulden den englischen Konzern gelähmt. Statt zu investieren, wurden mit den Erträgen die Schulden abbezahlt. 

Parallel hat Thomas Cook gleich auf mehreren Feldern den Wandel in der Reisebranche verschlafen. Wo andere Anbieter längst aufs Internet setzen, hat Thomas Cook seine Pauschalreisen noch überwiegend in Reisebüros verkauft. Kunden, die deren Service nicht nutzen wollten, buchten derweil ihre Urlaube lieber von der Couch aus bei Expedia, Booking.com und anderen Anbietern – und ließen dort ihr Geld. Thomas Cook ging die Digitalisierung zu spät und nur halbherzig an. 

Auch im einzigen großen Wachstumsmarkt der Reisebranche hat der Konzern nicht mitgespielt: Kreuzfahrten sind seit Jahren ein boomendes Geschäft mit hohen Margen – Umweltbedenken hin oder her. Der große Konkurrent Tui ist längst mit eigenen Schiffen auf den Meeren unterwegs und fährt wie Aida, Costa und andere mit Schiffsreisen hohe Gewinne ein. Thomas Cook baute stattdessen weiter auf traditionelle Pauschalreisen mit eigenen Flugzeugen. Doch dort ist wegen des jahrelangen Preiskampfes wenig zu holen. Obendrein ist die Flotte der Tochtergesellschaft Condor überaltert und damit teuer. 

Auf eigene Hotels, mit denen im Unterschied zum Geschäft als reiner Reisevermittler auch Geld zu verdienen ist, hat Thomas Cook ebenfalls zu spät gesetzt. All das wird eines Tages eine gute Grundlage für Fallstudien über verpassten Strukturwandel sein. Doch jetzt zahlen die Urlauber den Preis dafür – und 21.000 Mitarbeiter weltweit, die um ihre Arbeitsplätze bangen

Reisebüros in Kassel und der Region haben derzeit viel zu tun

Die am Montagmorgen verkündete Pleite des Reiseveranstalters Thomas Cook wirkt sich auf gebuchte Arrangements bei den deutschen Tochterfirmen wie Neckermann, Öger Tours, Air Marin und Bucher Reisen aus. Betroffen ist auch die Fluggesellschaft Condor.

„Bei uns steht das Telefon nicht mehr still“, sagte gestern eine Mitarbeiterin im Kasseler Reisebüro Stöter beispielhaft für viele Branchenkollegen. Man könne für bevorstehende Reisetermine momentan nur vertrösten mit dem Hinweis, dass die Verhandlungen andauern.

Besorgte Urlauber wollen wissen, wie sie nach hause kommen

Es würden sich per Mail auch zahlreiche besorgte Kunden melden, die aktuell mit Thomas-Cook-Firmen auf Reisen seien: „Die wollen wissen, wie sie nun nach Hause kommen.“ Falls ihr Heimflug mit Condor gebucht ist: Die Gesellschaft fliegt regulär weiter, Rückreisen sind sichergestellt. Doch aus rechtlichen Gründen darf Condor vorerst keine Passagiere von Thomas-Cook-Tochterfirmen mehr ans Urlaubsziel fliegen.

Thomas-Cook-Kunden in Sorge: „Müssen wir auf unseren Urlaub verzichten?“

Das könnte auch die Reisepläne von HNA-Leserin Tina Stabley beeinträchtigen. Sie schrieb uns gestern von einem Türkei-Urlaub, der eigentlich am Sonntag starten soll – mit dem Veranstalter Öger Tours und einem Hinflug mit Condor. Ihre große Sorge: „Müssen wir auf unseren Urlaub verzichten?“

Für die Mitarbeiter der Reisebüros in der Region bedeutet die Firmenpleite jedenfalls eine besondere Herausforderung. „Ich mache im Moment nichts anderes als Thomas Cook“, sagte Claudia Schröder vom DER-Reisebüro in Baunatal. „Ich kann derzeit keine neue Reise buchen. Ich habe Buchungsstopp.“

Thomas-Cook-Kunden sollen sich an ihr Reisebüro wenden

Wer bei einem Reisebüro seinen Urlaub gebucht habe, für den sei das Reisebüro auch der Ansprechpartner, betonte die Büroleiterin weiter. „Wir kriegen hier die konkreten Informationen.“

Die Pleite ist mit einem hohen zeitlichen Aufwand und zusätzlichen Kosten verbunden, sagte Mario Kersting vom Reiseservice in Fuldatal. „Wir versuchen im Moment aber alles, um unseren Kunden zu helfen. Ob wir dafür bezahlt werden, ist egal.“

Nach Thomas-Cook-Pleite: „Der Reisehimmel stürzt zusammen“

Auf der Internetseite des Thomas-Cook-Reisebüros im Kasseler Einkaufszentrum Dez schien die Urlaubswelt am Montagnachmittag wieder in Ordnung, nachdem die Website vorher stundenlang wegen Überlastung nicht zu erreichen war: Viele schöne Reiseziele sind dort buchbar – allerdings nicht von Veranstaltermarken des eigenen, in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Konzerns.

Welche Auswirkungen die Pleite bislang auf die Kunden des Reisebüros hat, dazu gab Filialleiterin Karla Behrendt keine Auskünfte. Sie verwies dazu auf die nationale Thomas-Cook-Zentrale in Oberursel und betonte, dass der deutsche Zweig des Tourismus-Riesen „von der Insolvenz nicht betroffen“ sei. Juristisch mag das stimmen.

Bei Reisebüros, die nicht ausschließlich Thomas-Cook-Reisen anbieten, redet man offener. „Wir haben etliche Anrufe von unseren Kunden“, sagt Mario Kersting vom Reiseservice in Fuldatal.

Nach Cook-Pleite: Abwicklung für Kunden wird unterschiedlich ausfallen

Claudia Schröder vom DER-Reisebüro in Baunatal gibt zu bedenken, dass es wegen unterschiedlichen Konstellationen bei der Reisebuchung jetzt auch zu unterschiedlichen Abwicklungen kommen könne. 

Wenn beispielsweise ein anderer, nicht von der Insolvenz betroffener Veranstalter, mit im Boot sei, dann kümmere sich der in der Regel auch um Alternativflüge. Grundsätzlich rät die Reisebürochefin: „Bitte abwarten!“

Auch Kunden anderer Reiseanbieter sind verunsichert

Bei Artur Mehmet, Inhaber des Reiseladens Karaburun Tours in Kaufungen, läuft das Meiste über die Anbieter Tui und DER Tours. „Daher ist unser Geschäft durch die Pleite von Thomas Cook nicht gefährdet“, sagt Mehmet. Trotzdem habe er alle Hände voll zu tun, erst einmal sich selbst und dann seine Kunden zu informieren. „Es melden sich auch Menschen, deren Reise gar nichts mit Thomas Cook zu tun haben, aus Angst, dass auch sie betroffen sind“, sagt Mehmet: „Mancher befürchtet, der Reisehimmel stürzt jetzt zusammen.“

Wolfhagen: Kunden fragen wie es nach der Pleite von Thomas Cook weitergeht

„Aktuell kann sich die Lage stündlich ändern", sagt Reiseexpertin Lisa Schade vom Reisebüro Derpart Wimke Reisewelt aus Wolfhagen und will sich deshalb zu diesem Zeitpunkt noch auf keine genaue Aussage festlegen. Betroffen seien von Pleite des Reiseanbieters Thomas Cook zehn Kunden des Reisebüros, die nun um ihren Urlaub bangen. Wie geht es nach der Pleite von Thomas Cook weiter?

In Schwalmstädter Reisebüros laufen die Telefone heiß

Im Schwalm-Eder-Kreis hat die Insolvenz von Thomas Cook für viel Unruhe bei den Urlaubern gesorgt. „Die Telefone laufen regelrecht heiß, viele Kunden rufen aufgeregt bei uns an“, berichtet uns Stephan Walz vom Reisecenter Felgenhauer in Ziegenhain. Die Schwalmstädter Reisebüros helfen aber allen Kunden weiter.

Reisebüros im Werra-Meißner-Kreis bemängeln fehlende Informationen

Eine die sich in der Reisebranche gut auskennt ist Christine Bebendorf aus Grebendorf, sie arbeitet seit 30 Jahren in der Tourismusbranche und hat einen vergleichbaren Fall wie die Insolvenz des Tourismus-Riesen Thomas Cook noch nie erlebt. Bislang habe sie den insolventen Reiseveranstalter immer als zuverlässigen Partner kennengelernt, doch seit gestern sei  in der Firmenzentrale in Oberursel niemand mehr erreichbar es fehlen Informationen. Deshalb kann sie Kunden die nächste Woche mit einer über Thomas Cook gebuchten reise in die Herbstferien starten wollen nur raten, abzuwarten.

Ratlosigkeit in den Hersfeld-Rotenburger Reisebüros

Zahlreiche Urlauber aus dem Kreis-Hersfeld-Rotenburg sind von der Pleite von Thomas Cook betroffen. Die Reisebüros beklagen auch hier zu wenig Informationen seitens des britischen Tourismus-Riesen. Wie viele Urlauber aus dem Landkreis wegen der Insolvenz gestrandet sind, sei derzeit schwer zu beziffern.

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Kommentare

moorhuhnschubserAntwort
(0)(0)

stimme ich ihnen voll und ganz zu , aber es ist ja nicht das erstemal das sowas passiert..
ich würde auch nie in einem möbelhaus , möbel anbezahlen oder gar im voraus zahlen, - dort kann nämlich exakt das selbe passieren !

MaliAntwort
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OK, aber dafür zahlt man ja vor der Reise an den Veranstalter oder etwa nicht - und dann ist dieser auch für die Rückreise zuständig. Nicht nur für die erste Hälfte- und warum sollte der Urlauber auch dafür noch berappen müssen ? Das Geld sieht er nie wieder...wäre ja Dummheit. Dann soll Thomas Cook mal zusehen, wie sie die Urlauber zurücktransportieren- die Zahlung der Reise wollten sie ja auch pünktlich getätigt haben. Eigentlich ein Unding, dass so etwas möglich ist.

Nickie
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Das gesamte Konzept von Pauschalreisen zu den Sonnenbrandbänken des Planeten als den schönsten Wochen des Jahres ist unzeitgemäß und zu hinterfragen.

Kommentare

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