Monatelang gespart

Urlaubstraum auf der Kippe: Wie eine Kasseler Familie unter der Thomas-Cook-Pleite leidet

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Hier hat Familie Waas mit Neckermann gebucht: Der Strand von Faliraki auf der griechischen Insel Rhodos. 

Es sollte der erste gemeinsame Urlaub für eine Kasseler Patchwork-Familie werden, viele Monate wurde dafür gespart. Jetzt ist völlig unklar, ob die Traumreise am Montag starten kann. 

Kassel - Die Urlaubshoffnung ist für Nancy Waas noch nicht ganz gestorben. Was ihre vierköpfige Familie nach der Pleite des Reisekonzerns Thomas Cook durchleidet, steht exemplarisch für viele Urlauber im Raum Kassel, doch es geht besonders zu Herzen. 

Auf der Kippe steht „ein Traum, den wir uns in den letzten zwölf Monaten mühsam zusammengespart haben“, berichtet die 34-Jährige.

Der Traum: der erste gemeinsame Urlaub als Patchworkfamilie mit ihren Kindern Hailey (9 Jahre), Damon (7) sowie Partner Jan. Die Kinder haben noch nie in einem Flugzeug gesessen, ihre Mutter letztmals zu Kindertagen. „Das war bisher finanziell nie möglich gewesen“, sagt Waas.

Erster gemeinsamer Familienurlaub: Neun Tage Rhodos

Seit dem Vorjahr hat sie einen neuen Job bei einer Krankenkasse. Erstmals gab es Weihnachtsgeld, das wurde eisern gespart. Auch bei ihrem Partner ging es beruflich vorwärts. 

Damit rückte der Traum in greifbare Nähe: Neun Tage zu viert auf der griechischen Insel Rhodos, Familienhotel alles inklusive, geplante Abreise am kommenden Montag, 30. September.

Riesige Vorfreude: Familie hatte eine Countdown-App auf dem Handy

Gebucht hat Nancy Waas Ende Juli auf dem Reiseportal ab-in-den-urlaub.de, der Veranstalter Neckermann Reisen war für sie „ein Name, der Sicherheit verspricht“. Als die Tickets vorlagen, kannte die Vorfreude keine Grenzen: „Wir haben eine Countdown-App auf dem Handy und den Kindern jeden Tag erzählt, wie lange es noch dauert.“ Für alle Vier wurden schon Schnochelmasken angeschafft.

Am Montagmorgen dann der Schock: Ein Freund schickte die Nachricht von der Thomas-Cook-Pleite, von der auch die Tochter Neckermann betroffen ist. Plötzlich drohe „das, worauf man sich zwei Jahre lang gefreut hat, wie eine Seifenblase zu zerplatzen“, sagt die Kasselerin.

Nach dem Pleite-Schock dann die Telefon-Warteschleife - ohne Erfolg

Den ganzen Montag habe sie in der Telefonschleife gehangen, um die Versicherung zu erreichen, die auf dem Reise-Sicherungsschein steht. Am Abend dann endlich Kontakt zu einer Auskunftsperson: „Der war sehr freundlich, wusste aber auch nichts Genaues. Wir sollen uns weiter regelmäßig informieren“. Auch die Reisebüros in Nordhessen sind derzeit mit zahlreichen Anrufen von Kunden, die um ihren Urlaub bangen, beschäftigt.

Inzwischen sei auch von Ab-in-den-Urlaub eine Standardmail gekommen: Man kümmere sich um die betroffenen Buchungen „nach dem Abreisedatum priorisiert“, die Kunden mögen einstweilen von Nachfragen Abstand nehmen. „Wir wissen nicht, wann wir wen anrufen sollen“, klagt Nancy Waas. „Alles, was wir tun können: Im Netz ständig schauen, ob es neue Nachrichten gibt.“

Sorge um den Reisepreis ist groß

Ob es noch Hoffnung für ihren Traumurlaub gibt? Den Kindern hat die 34-Jährige vorsorglich schon mal gebeichtet, dass es eventuell nichts werden könnte. Der Familienfrieden ist jetzt die zweite Baustelle. Die dritte könnte eventuell werden, bei der Versicherung den gezahlten Reisepreis von gut 2500 Euro geltend zu machen. 

Die Sorge um die Reisekosten ist nicht unbegründet: Kunden sollen eigentlich ihren Reisepreis zurückerstattet bekommen, doch die Reiserechtlerin Sabine Fischer-Volk vermutet, dass Thomas Cook nicht genug Geld hat, um alle finanziellen Forderungen erfüllen zu können. Dies sagte sie auf die Frage, welche Rechte Kunden nach der Pleite eigentlich haben.

Und auf gut Glück einfach starten? Die gebuchten Flüge mit Lufthansa und Aegean Airlines sind immerhin nicht von der Pleite betroffen. Das kommt für die Mutter nicht infrage: „Das mute ich meinen Kindern nicht zu, wenn nicht klar ist, ob uns das Hotel überhaupt aufnimmt.“

Vorfreude ist Angst und Unsicherheit gewichen

Die Vorfreude sei nun abgelöst von „Angst und Unsicherheit, wie es weitergehen wird“, sagt Nancy Waas. Aber es sei noch etwas Hoffnung da: „Wir drücken die Daumen, so fest es geht.“

Das schließt auch die Großeltern der 34-Jährigen mit ein. Die alten Herrschaften, 84 und 86 Jahre alt, haben vor kurzem Eiserne Hochzeit gefeiert. Und die ganze Familie hat laut Nancy Waas zusammengelegt, damit das Jubelpaar noch mal eine Flusskreuzfahrt machen kann. Der geplante Start ist morgen, Donnerstag, der Anbieter ist Neckermann. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die Kasseler Familie sind nicht die Einzigen, die ein Problem mit der Thomas Cook-Pleite haben. Eine Frauengruppe aus der Schwalm hängt derzeit auf Mallorca fest.

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