Thüringens Ministerpräsident zu Gast in Kirche Sankt Familia

Bodo Ramelow predigte in Kassel: "Bibel als Kompass für Politik"

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Sprach sich in der Kirche Sankt Familia für armutssichere Rentenversicherungen aus: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Hinten links: Dechant Harald Fischer.

Kassel. In der Reihe "Predigten zur Fastenzeit" der Kirche Sankt Familia sprach Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) am Sonntag über Solidarität, Twitter und seinen Glauben.

Weil er sich auf Twitter für die Kurden in Afrin im Nordwesten Syriens eingesetzt hat, bekommt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) seit Freitagabend Morddrohungen. Dass sein Sicherheitspersonal diese ernst nimmt, konnte man am gestrigen Sonntag an den aufmerksamen Streifzügen durch die Gänge der voll besetzten Kirche Sankt Familia erkennen. Dort hielt Ramelow die dritte Predigt in der Reihe „Predigten zur Fastenzeit“.

Unter dem Titel „Soziale Gerechtigkeit im politischen Alltag“ begann der gebürtige Niedersachse seine Predigt mit der Frage, wie linke Politik und Christsein zusammenpassen. „Einige in meiner Partei ärgern sich sicher darüber, dass ich Christ bin“, sagte Ramelow. Dass sein Glaube aber recht gut mit seiner politischen Ideologie einhergehe, bekräftigte er durch ein Zitat von Paulus: „Tut nichts aus Eigennutz“, das Ramelow mit „tut es aus Gemeinschaftswillen“ ergänzte.

Der Gemeinschaftsgedanke stand in Form des Wortes „Solidarität“ dann auch im Zentrum der rund 30-minütigen Predigt. Ramelow sprach sich für Solidarität innerhalb Europas in der Verteilung von Flüchtlingen aus und erinnerte auch daran, dass Deutschland zu Beginn der Flüchtlingswelle eine Verteilung abgelehnt hatte. Umso wichtiger sei es, diese nun als europäische Aufgabe zu begreifen, denn: „Jeder muss eine Chance haben, leben zu können.“

Die Bibel könne für viele politische Fragen zwar nicht Eins-zu-eins als Leitfaden gelten, aber er sehe die Texte als Kompass, um zeitgenössische Politik zu gestalten. Die Werte, die sie vermittelten, seien gerade im digitalen Zeitalter von Facebook und Twitter, „in dem jeder glaubt, alles besser zu wissen, aber keine Lösungen anbietet“, von großer Bedeutung.

Auch auf das Thema Altersarmut kam Ramelow zu sprechen. Er befürworte eine moderne Bürgerversicherung, in der keine Unterscheidung gemacht werde zwischen Angestellten, Beamten, Selbstständigen und einem Ministerpräsidenten. Das nicht armutssichere System vernachlässige die Kernfrage der Bibel nach der Bedeutung von Mitmenschlichkeit in einer Welt, in der Einzelne nichts wert seien und Börsenkurse gesellschaftliche Verhältnisse regelten.

Und so kam Ramelow die Idee, anlässlich der Fastenzeit und wider eines ausgrenzenden Kapitalismus, auf Markenartikel zu verzichten. „Das wäre sicher nicht schlecht.“ Dafür gab es Lacher und kirchenunüblichen Applaus.

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