Nachfolger für Praxen bleiben aus

Tierärzte in Kassel sind überlaufen: Engpässe bei Versorgung

Eine englische Bulldogge wird beim Tierarzt an den verletzten Ohren untersucht.
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Viele Praxen sind überlaufen. Der Grund: Es herrscht ein Mangel an Tierärzten.

Es gibt schon jetzt so wenig Tierärzte in Kassel und im Landkreis, dass diese teilweise Halter schwerkranker Tiere wieder wegschicken müssen. Und Nachfolger für Praxen gibt es kaum.

Kassel/Kaufungen – Tierarzttermine werden in diesen Tagen verzweifelt nachgefragt. Wer mit seiner Katze, seinem Hund oder anderem Tier auf der Suche nach einem Tierarzt ist, hängt häufig lange in Telefonwarteschleifen und bekommt dann meistens einen Termin Tage später.

Viele Praxen sind überlaufen. Der Grund: Es herrscht ein Mangel an Tierärzten, nicht nur auf dem Land, sondern mittlerweile auch in der Stadt. „Die Problematik gibt es nicht nur in Kassel, sondern deutschlandweit und das nicht erst seit gestern“, sagt Jenny Wagner vom Tiergesundheitszentrum Anicura in Bettenhausen. Tierarztpraxen und -kliniken seien übervoll. „Da nicht einmal die Hälfte aller Tiermedizin-Studenten später als praktizierende Tierärzte arbeiten, kommen nicht mehr genügend Tierärzte nach“, erklärt Wagner. Auch Anicura Kassel würde gerne noch Kolleginnen und Kollegen einstellen. Aber es gibt keine Bewerber.

Vom grassierenden Tierarzt-Notstand weiß auch der Leiter des Kasseler Tierheims Wau-Mau-Insel, Carsten Plücker: „Jeden Monat schließen in Deutschland 15 Tierarztpraxen für immer.“ Er sieht im hohen Numerus Clausus für das Studium ein Problem.

Vergeblich auf der Suche nach einer Nachfolge für ihre Tierarztpraxis in Harleshausen war auch Dr. Katharina Zirkel. Lange bevor sich die Veterinärmedizinerin Anfang des Jahres in den Ruhestand verabschiedete, hielt sie Ausschau, nach jemandem, der ihre Praxis samt gut gefüllter Patientenkartei übernehmen wollte. Doch keine Chance.

Den Tierarztmangel spüren Tierbesitzer und -ärzte gleichermaßen. Der Kaufunger Tierarzt Dr. Wolfgang Kähn erlebt, was er so noch nicht kannte: „Wir mussten in den vergangenen Tagen immer wieder Halter mit schwerkranken Tieren wegschicken, weil wir sie nicht versorgen konnten.“ Immer mehr Kliniken in der Umgebung würden schließen, sodass mehr Menschen mit ihren Tieren nach Kaufungen kämen. Seine Klinik gehört zu den wenigen Praxen in weitem Umkreis, die noch einen 24-Stunden Notdienst bieten. Für diesen Service wird aus Arbeitsschutz-Gründen viel Personal benötigt. Der Bundesverband praktizierender Tierärzte errechnete, dass der Aufwand 60 000 Euro Kosten pro Monat verursacht. Diese Mehrkosten seien ein Grund dafür, dass immer mehr Kliniken ihren Klinikstatus zurückgeben, um den 24/7-Bereitschaftsdienst zu umgehen.

Zu wenig Uniabsolventen in Tierarztpraxen

„Wir bilden an den Universitäten ausreichend Tierärztinnen und Tierärzte aus, aber in der Praxis kommen zu wenig an“, sagt Dr. Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbands praktizierender Tierärzte. Ein Viertel der Uniabsolventen komme niemals in der kurativen Tierarztpraxis an. Ein weiterer Teil komme nach der Baby-Pause nicht zurück. Besonders betroffen vom Tierarztmangel sind der ländliche Raum und strukturschwache Regionen.

(Christina Hein und Moritz Gorny)

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