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Experte der Uni Kassel: Tierleid gibt es in allen Haltungsformen

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Von: Katja Rudolph

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Drei Kühe auf einer Wiese, im Hintergrund die Herde.
Grün ist nicht gleich gesund: Auch Kühe, die viel auf der Weide sind, leiden häufig unter Euterentzündungen. Die Haltungsform ist Studien zufolge nicht entscheidend für die Tiergesundheit. © Sina Schuldt, DPA

Wer tierische Produkte verzehrt, nimmt damit auch Tierleid in Kauf - egal aus welcher Haltungsform die Tiere stammen. Das zeigt eine Studie von foodwatch, an der ein Experte der Uni Kassel mitgewirkt hat.

Kassel – Wer Weidemilch, Freiland-Eier oder Bio-Fleisch kauft, tut dies meist in dem Glauben, dass es den Tieren aus solchen Haltungsformen gut geht.

Doch Millionen Kühe, Hühner, Schweine und andere Nutztiere leiden unter Krankheiten, Verletzungen und Schmerzen – und dabei spielt es kaum eine Rolle, ob sie in einem konventionellen Betrieb oder auf einem Bio-Hof gehalten werden.

Das belegt eine Untersuchung der Verbraucherorganisation Foodwatch, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Prof. Dr. Albert Sundrum, langjähriger Leiter des Fachgebiets Tierernährung und Tiergesundheit der Universität Kassel am Standort Witzenhausen, hat Foodwatch bei der Studie beraten.

Der 67-jährige Göttinger, der seit Oktober pensioniert ist, sagt: „Die Verbraucher wissen nicht, welche Qualität sie auf dem Teller haben.“ Was in der Wissenschaft seit Jahrzehnten bekannt sei und auch an die Politik herangetragen wurde, müsse öffentlich bekannter werden, findet der Tiermediziner. Eigentlich sei klar, was sich ändern müsse, betont Sundrum: „Aber es wird weiter so getan, als könne man mit verbesserter Haltung das Problem massenhaft erkrankter Tiere lösen.“

Daher kritisiert er mit Foodwatch die vom Bundesumweltministerium geplante Einführung einer verpflichtenden Haltungskennzeichnung auf Lebensmitteln. „Mit der Fokussierung auf die Haltungsbedingungen wird man die Erkrankungsraten nicht reduzieren“, sagt Sundrum. Stattdessen müsse die Tiergesundheit als Qualitätsmerkmal eingeführt und entsprechend honoriert werden.

Für den Report „Tierleid im Einkaufskorb“ hatten die Verbraucherschützer zehn tiermedizinische Studien ausgewertet. Das Gesamtergebnis sei eindeutig, sagt Annemarie Botzki von Foodwatch. „Ob Hühner, Schweine oder Kühe gesund sind, hängt nicht einfach davon ab, ob der Stall ein paar Zentimeter größer ist oder Stroh auf dem Boden liegt.“ Entscheidend sei das Stallmanagement der Landwirte. Auch eine Studie der Uni Kassel von 2017 ist in den Report eingeflossen. Unter Sundrums Leitung waren 60 ökologische Milchviehbetriebe untersucht worden. Dabei stellte sich heraus, dass im Durchschnitt 54 Prozent aller Kühe von einer Euterentzündung betroffen waren – trotz Ökohaltung ein ähnlich hoher Wert wie in konventionellen Betrieben. Eine Euterentzündung ist analog zu einer Brustentzündung bei Frauen sehr schmerzhaft. Wichtig sei eine frühzeitige Diagnose, eine angemessene Fütterung und hohe Hygienestandards beim Melken und im Stall, sagt Sundrum. Typische Erkrankungen in der Schweinemast sind beispielsweise Lungenentzündungen. Legehennen sind häufig von Knochenbrüchen betroffen, weil die vielen Eier ihnen das Kalzium für die Knochen entziehen.

Was die Tiergesundheit betrifft, gebe es große Unterschiede zwischen den einzelnen landwirtschaftlichen Betrieben, sagt Sundrum. Viele hätten das Gesundheitsmanagement gut im Griff, während andere immer wieder Probleme mit kranken und verletzten Tieren haben – und zwar unabhängig von der Haltungsform oder der Betriebsgröße.

Das Problem liegt im Agrarwirtschaftssystem, sagt Sundrum, der kürzlich auch ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Denn unter den aktuellen Bedingungen sei am besten aufgestellt, wer die niedrigsten Kosten habe. Dieser „Preisunterbietungswettbewerb“ sorge dafür, dass vielfach nur die Minimalanforderungen erfüllt würden. „Erst wenn die Tiergesundheit als Qualitätsleistung honoriert wird, gibt es einen Anreiz, über das Mindestmaß hinaus etwas zu tun“, sagt der Wissenschaftler.

Ebenso wie Foodwatch plädiert er dafür, dass die Gesundheitsdaten jedes Hofs erfasst und die Betriebe nach Tierschutzleistungen kategorisiert werden. Viele Zahlen lägen dazu bereits vor, etwa Sterberaten sowie Befunde aus dem Schlachthof oder der Molkerei. Betriebe mit wiederholt schlechten Gesundheitsdaten, so die Forderung, müssten dann mit Konsequenzen rechen, im Extremfall bis zum Verbot der Tierhaltung.

Und was können Verbraucher tun? Solange es keine gesetzlichen Regelungen gebe, bleibe ihnen nur, bei Betrieben vor Ort gezielt nach dem Gesundheitsstatus der Tiere zu fragen, rät Albert Sundrum.

Zahlen aus dem Foodwatch-Report

23 bis 39 Prozent der Milchkühe leiden an schmerzhaften Erkrankungen der Klauen.

30 bis 60 Liter Milch werden Milchkühen täglich abgepumpt. Die Tiere werden etwa 3 Jahre lang gemolken und dann mit durchschnittlich 5,4 Jahren zum Schlachter gebracht.

40 Prozent aller Schweine aus konventioneller Haltung weisen krankhafte Befunde wie Lungenentzündungen, offene Wunden oder Abszesse auf. In Bio-Haltung sind es mit 35 Prozent kaum weniger.

79 Prozent der Verbraucher glauben, dass Schweinefleisch, das mit der Premium-Haltungsform gekennzeichnet ist, von gesunden Tieren stammt. Bei Hähnchen der höchsten Haltungsstufe glauben 83 Prozent der Käufer, dass die Tiere gesund waren.

97 Prozent aller Hühner in Legehennenhaltung weisen ein gebrochenes Brustbein auf – in Käfighaltung ebenso wie in Bio-Haltung. Die vielen Eier, die sie produzieren müssen, entziehen den Hühnern das Kalzium für die Knochen.

51 800 000 Schweine – also 51,8 Millionen Tiere – wurden 2021 in deutschen Schlachthöfen geschlachtet. Etwa 13,6 Millionen Schweine landen jährlich vor der Schlachtung im Müll, weil sie derart krank oder verletzt sind, dass sie verenden. (Albert Sundrum)

Service: Hier geht es zum Foodwatch-Report: zu.hna.de/3GM5Dwi Albert Sundrum: „Gemeinwohlorientierte Erzeugung von Lebensmitteln: Impulse für eine zukunftsfähige Agrar- und Ernährungswirtschaft“, Springer Spektrum, 69,99 Euro

Albert Sundrum war bis Oktober 2022 Professor der Universität Kassel am Standort Witzenhausen
Prof. Dr. Albert Sundrum © Privat

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