CO2-Fußabdruck macht der Kasselerin Sorgen

Kein Flug nach Kanada: Gewinnerin des Tigerenten-Rennens lehnt Preis ab

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Will auf Flugreisen zu Urlaubszwecken verzichten: Die 35-jährige Kunsthistorikerin Mirl Redmann hat deshalb den Hauptpreis des Tigerenten-Rennens, eine Reise nach Kanada, abgelehnt.

Die Gewinnerin will den Preis nicht: Eine Flugreise nach Kanada, der Hauptpreis des Tigerenten-Rennens vom Verein "Soziale Hilfe", sorgt für Aufregung und Diskussionen in Kassel.

Die Gewinnerin, die 35-jährige Mirl Redmann aus Kassel, hat den Preis im Wert von 5000 Euro am Montag bei der offiziellen Übergabe bei VW in Baunatal, Hauptsponsor des Rennens, abgelehnt. Aus ökologischen Gründen, wie sie angibt.

Sie sei in der Vergangenheit schon so häufig geflogen, dass ihr CO2-Fußabdruck gigantisch sei, sagt Redmann. Stattdessen hat sie VW vorgeschlagen, den Preis umzuwidmen. Das möchte Redmann lieber haben: 

  1. Sie würde dafür lieber eine Bahncard 100 (4270 Euro, 2. Klasse) haben
  2. Eine Reise in ein Sommerhaus am Meer für sich, Freunde und Familie (mit ÖPNV-Anreise) in Anspruch nehmen.
  3. Sollte die Volkswagen AG, die „in Milliarden denkt“, sich nicht in der Lage sehen, ihren Hauptgewinn zu einem „wirklichen Gewinn“ für sie umzuwidmen, macht die Kunsthistorikerin einen dritten Vorschlag: VW soll die 5000 Euro dem Verein „Soziale Hilfe“ spenden. Die Umwidmung von Gewinnen ist allerdings in den Teilnahmebedingungen des Tigerenten-Rennes ausgeschlossen.

Der Verein „Soziale Hilfe“, der das Tigerenten-Rennen seit 16 Jahren veranstaltet, bedauert, dass die Gewinnerin die Reise bei dem Pressetermin unerwartet abgesagt habe, so Ute Wienkamp, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. „Wir möchten nicht, dass unter dem Vorwand vermeintlicher ethischer Umweltargumente die VW-AG gezwungen wird, den Hauptgewinn umzuschreiben.“

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Bei VW zeigt man sich aber gesprächsbereit, wie Sprecher Heiko Hillwig am Donnerstag erklärte: Man könne den Wunsch der Gewinnerin nachvollziehen und biete ihr an, trotz der Teilnahmebedingungen das Gespräch zu suchen, um eine einvernehmliche Lösung im Sinne der Ziele von Volkswagen und des Vereins zu finden.

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Freundin schenkte ihr das Los

Sie wisse, dass sie aus einer „Luxusposition“ heraus ihre Entscheidung getroffen habe. Und sie wisse auch, dass man einem geschenkten Gaul eigentlich nicht ins Maul schaue, sagt die 35-jährige Mirl Redmann. Am Himmelfahrtstag, 10. Mai 2018, besuchte sie mit einer Freundin das Tigerenten-Rennen des Vereins „Soziale Hilfe“ auf der Regattawiese an der Fulda. Ihre Freundin hatte ihr ein Los geschenkt, sprich eine Tigerente für sie adoptiert.

Der Start am 10. Mai 2018: Bei dem Rennen gewann die Ente von Mirl Redmann.

Und ausgerechnet ihre Ente gewann das Rennen, bei dem mehr als 12.400 der schwarz-gelb-gestreiften Vögel an den Start gegangen waren. Dass sie eine Traumreise nach Kanada gewonnen hatte, erfuhr die Kunsthistorikerin aus Kassel, die derzeit ihre Promotionsarbeit an der Uni Genf schreibt, noch vor Ort. Aber so richtig Freude wollte bei ihr nicht aufkommen.

„Jahrelang bin ich für einen Job per Flugzeug gependelt und im Interesse meiner Ausbildung reiste ich durch ganz Europa, den Mittelmeerraum, Asien und Afrika. Mein CO2- Fußabdruck fühlt sich gigantisch an“, so Redmann. Sie wisse heute, dass sie einmal ihren Kindern oder den Kindern ihrer Freundinnen nicht sagen wolle: „Urlaub war mir wichtiger als eure Zukunft, sorry.“ Damit nimmt sie Bezug auf eine Kolumne in der Süddeutschen Zeitung vom Juli 2017.

Sie habe Verständnis, dafür dass Menschen aus beruflichen Gründen fliegen müssten, aber aus „umweltethischen Erwägungen“ wolle sie Flugreisen zu Urlaubszwecken vermeiden, so die 35-Jährige.

Kein stabiles Einkommen

Ganz auf den Gewinn im Wert von 5000 Euro zu verzichten, falle ihr aber auch nicht leicht, so Redmann. Sie gehöre zum „Prekariat der flexiblen Wissensarbeiterinnen“ ohne festen Arbeitsvertrag und ohne stabiles Einkommen. „Für mich persönlich bedeuten 5000 Euro circa sechs Monate Vollfinanzierung.“

Sie habe frühzeitig dem Verein „Soziale Hilfe“ mitgeteilt, dass sie die Flugreise nicht wolle. Von dort habe sie die Antwort bekommen, dass eine Umwidmung des Gewinns nicht möglich sei. Nichtdestrotz ist die 35-Jährige am Montag bei VW in Baunatal erschienen, wo sie ihren Preis offiziell entgegennehmen sollte. Ute Wienkamp vom Verein „Soziale Hilfe“ war davon ausgegangen, dass die Gewinnerin den Preis nach anfänglichen Bedenken doch annimmt. Schließlich habe Redmann ihr zuvor noch mitgeteilt, dass sie nun doch im nächsten Jahr den Indian-Summer genießen wolle. 

Ihre Kanadareise wolle sie zudem noch mit einem Abstecher nach Boston verbinden, so Wienkamp. Sie fügt hinzu: Wenn man an einem Gewinnspiel teilnehme, sei man auch an die Teilnahmebedingungen gebunden. Die Mitarbeiterin der „Sozialen Hilfe“ unterstreicht, dass die VW AG seit dem ersten Tigerenten-Rennen der Topsponsor des Rennens sei und dem Verein viele weitere Türen geöffnet habe. „Wir haben von diesem Vertrauensbonus auf vielfältige Weise bis heute profitieren können und pflegen seither eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.“

Man wolle nicht, dass VW unter dem Vorwand „vermeintlicher ethischer Umweltargumente“ der Gewinnerin gezwungen werde, den Hauptgewinn zu ändern.

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Das sagt Hauptsponsor VW

Der Konzern After Sales , der zum VW Konzern gehört, sei sich seiner sozialen Verantwortung für die Region bewusst und finanziere deshalb seit 16 Jahren auch den Hauptpreis des Tigerenten-Rennens - eine Reise im Wert von 5000 Euro. „Wir sind davon überzeugt, dass hierdurch die Attraktivität der Tigerenten-Lose erheblich gesteigert und somit der Erlös für die ,Soziale Hilfe’‘erhöht wird“, sagt VW-Sprecher Heiko Hillwig.

Als „Global Player“ verbinde „After Sales“ das ausgeschriebene Reiseziel traditionell mit einem der Konzern-Standorte und gebe dem Gewinner die Möglichkeit, hier exklusive Einblicke in das jeweilige Werk zu erhalten. Frühere Reisen gingen zum Beispiel nach Südafrika, Indien und China.

Das Tigerenten-Rennen des Vereins "Soziale Hilfe"

Der Verein „Soziale Hilfe“ veranstaltet seit 16 Jahren an Himmelfahrt das Tigerenten-Rennen auf der Fulda an der Regattawiese. Die Teilnehmer können eine Tigerente adoptieren, die an den Start geht. Viele Sponsoren stellen Preise zur Verfügung, Hauptsponsor ist der VW-Konzern.

Der Erlös der Veranstaltung fließt direkt in die Arbeit des Vereins Soziale Hilfe für wohnungslose, haftentlassene und notleidende Menschen in Kassel. In der Tagesaufenthaltsstätte Panama, der Beratungsstelle sowie in einem Wohnprojekt für Frauen finden hilfesuchende Menschen einen geschützten Raum, Essen, Kleidung, Hygieneangebote und vieles mehr.w

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Kommentare

egalAntwort
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Ein Getränk anzunehmen und das Thema dann abhaken wäre aber ein netter Abgang gewesen

egalAntwort
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es gibt doch bei Allen Tombola überall in Deutschland Spenden von Firmen und Menschen - darüber regt sich doch auch keiner auf ! Aktion Mensch , SKL und viele mehr - also jetzt einen Aufhänger für VW machen passt zum Umweltretten und einfach nur noch billig.

egalAntwort
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Vorschläge wovon sie nichts hat - dann kann doch einfach die Reise abgelehnt/zurückgegeben werden und Gut ist !

Kommentare

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