Hüpfen für ein Ticket

Tina Glade ist kleinwüchsig - Sie stößt auf viele Hindernisse und Vorurteile

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Hürden im Alltag: Tina Glade kommt nicht an den Münzschlitz eines Parkautomaten.

Kassel. Schwungvoll hüpft die kleinwüchsige Tina Glade hoch. Lehnt sich mit dem Bauch auf den Rand einer Tiefkühltruhe. Vorsichtig greift sie kopfüber nach einer Tüte Tiefkühlgemüse, immer darauf bedacht, ihr Gleichgewicht zu halten.

Dann schlendert sie weiter durch den Supermarkt, bleibt vor einem Regal stehen. Vorsichtig steigt sie auf den unteren Boden des Regals, um mit den Fingerspitzen nach einer Packung Nudeln zu greifen.

„Schwierig wird es bei Gläsern und Flaschen“, sagt die 28-Jährige. Nach Hilfe fragt sie nur ungern: „Es ist anstrengend, erst nach einem anderen Kunden zu suchen oder bei der Marktleitung um einen Hocker zu bitten.“ Tina Glade ist nur 1,38 Meter groß. Sie hat Hypochondroplasie, eine Form des Kleinwuchses. Ihre Knorpelbildung ist gestört, dadurch wachsen ihre Arme und Beine nicht.

Durch die krankheitsbedingte Knochen-Fehlstellung hat Tina Glade oft Rücken- und Knieschmerzen. Dazu kommen Haltungsfehler: „Ich kann immer nur auf der Kante eines Stuhls sitzen, weil mir sonst die Füße einschlafen.“

Die Kasselerin, die als Ergotherapeutin arbeitet, muss im Alltag viele Hürden meistern. Ganz banale Dinge wie das Bezahlen eines Parktickets bereiten ihr oft Mühe. „Ich verstehe nicht, warum der Münzeinwurf der meisten Parkautomaten so hoch ist“, sagt sie resolut. „Es ist ja schön, dass es in Kassels Parkhäusern Behindertenparkplätze gibt, aber wie soll ein Rollstuhlfahrer eigenständig sein Ticket bezahlen?“ Tina Glade vermeidet es auch, auf öffentliche Toiletten zu gehen. „Ich kann mich noch nicht mal im Spiegel anschauen, ohne hochzuhüpfen“, sagt sie und klopft mit der Hand auf den Tisch.

Tina Glade lebt in einer Studenten-WG in Kassel. Die Gemeinschaftsküche ist eigentlich nicht für Kleinwüchsige geeignet. Aber das stört sie nicht. Wenn sie das Geschirr einräumen will, nimmt sie sich einfach einen Hocker, um an die hohen Schränke zu kommen.

Keine Berührungsängste

Die junge Frau muss jeden Tag um Anerkennung kämpfen. „Wenn ich neue Menschen kennenlerne, werde ich meistens unterschätzt, dabei bin ich wie alle anderen. Ich kann das Gleiche leisten.“ Das beweist sie jeden Tag aufs Neue, wenn sie sich als Ergotherapeutin in der Praxis Glade und im Therapiezentrum in Helsa um ihre Klienten kümmert. Angenehm sei es, mit Kindern zu arbeiten: „Die fragen mich direkt, warum ich so klein bin, Erwachsene haben oft Berührungsängste.“

Ihre Behinderung birgt aber auch Vorteile: „Insbesondere Kinder und Menschen mit Schwächen fühlen sich von mir verstanden.“ Ihnen gegenüber ist Tina Glade sehr offen, erzählt von ihren eigenen Erfahrungen. „Das schafft eine ganz besondere Nähe, meine Klienten fühlen sich bei mir gut aufgehoben.“

Von Alia Shuhaiber

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