Diskussion um Magnus Gäfgen

Tischtennis mit einem Kindermörder: Gegen ihn will nicht jeder antreten

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So empfing der Kindermörder Magnus Gäfgen die Reporter in der JVA Schwalmstadt: Mittlerweile wirkt er für die SG Schönfeld Kassel im normalen Ligabetrieb mit.

Kassel. Seit der Winterpause spielt der Kindermörder Magnus Gäfgen für die Tischtennis-Mannschaft der SG Schönfeld. Für die JVA Kassel II, aber auch für die anderen Mannschaften in der Liga hat das in dieser Saison eine Gratwanderung zwischen Recht und Moral bedeutet. Ein Besuch.

Jeden Dienstag um 18.45 Uhr steht für einige Gefangene der Sozialtherapeutischen Anstalt Kassel (JVA II) der Höhepunkt der Woche an. Denn dann hat die SG Schönfeld in der 3. Tischtennis-Kreisklasse ein Meisterschaftsspiel. Doch seit der Rückrunde ist zumindest für die Gegner nichts mehr, wie es war. Denn Spitzenspieler der Knastmannschaft ist seit dem Januar der Kindermörder Magnus Gäfgen (39), einer der bekanntesten deutschen Häftlinge. Für die JVA-Leitung bedeutet diese Personalie eine Gratwanderung zwischen ihrem therapeutischen Ansatz und der Akzeptanz in der Bevölkerung.

Hintergrund

Neben der JVA Kassel II, die mit ihrem Gefangenensportverein SG Schönfeld Kassel am regulären Tischtennis-Spielbetrieb teilnimmt, gibt es noch weitere Justizvollzugsanstalten, die Mannschaften im Spielbetrieb stellen. So spielt der GSV 74 Kassel - die Mannschaft der JVA Kassel I - in der Handball-Bezirksliga C um Punkte mit. Die JVA Schwalmstadt hat mit dem SV Schloss Ziegenhain zwei Mannschaften im normalen Ligenbetrieb (2. und 3. Kreisklasse Süd im Kreis Schwalm-Eder). Die erste Mannschaft wurde in der abgelaufenen Saison Meister in der 2. Kreisklasse.

Die JVA Dieburg stellt in der 3. Kreisklasse im Kreis Darmstadt-Dieburg ebenfalls eine Tischtennis-Mannschaft. (dts)

Der Auftrag der Sozialtherapeutischen Anstalt ist es, die 140 Insassen auf ein künftig straffreies Leben in sozialer Verantwortung in Freiheit vorzubereiten. Der Sport ist dabei ein wichtiger, wenn nicht sogar einer der wichtigsten Bestandteile. Innerhalb der JVA ist die SG Schönfeld seit 1989 integriert, stellt seit 1997 eine Tischtennis-Mannschaft, die im normalen Ligabetrieb mitwirkt. „Die Straftäterbehandlung ist unser gesetzlicher Auftrag und der Sport dabei eine ganz wichtige Zugangsebene“, sagt der Leiter der JVA, Rudi Nebe. Nie habe es Probleme seitens anderer Vereine gegeben, ergänzt der JVA-Beamte Bernd Beitel, der für den Sport in der Anstalt zuständig ist.

Normalerweise kennen die Tischtennis-Spieler, die im Gefängnis zu ihren Serienspielen antreten, nur den Namen ihren Gegenspieler. Bei der SG Schönfeld spielen Mörder und Vergewaltiger – allerdings lässt sich den Taten kein Gesicht zuordnen. Bei Magnus Gäfgen ist das anders. Der in der Vergangenheit stets auf Öffentlichkeit bedachte Kindermörder will sich diesmal nicht zum Foto ablichten lassen. Seit elf Jahren sitzt er ein, mindestens sieben Jahre werden folgen. Tischtennis spielt er seit seiner Kindheit, er weiß, dass die Möglichkeit, Tischtennis im Ligabetrieb zu spielen, eine Besonderheit ist. „Ohne Tischtennis würde mir was fehlen“, sagt Gäfgen bei einem Gespräch im Sozialraum der JVA.

Die Spiele in der neuen Liga liefen allerdings nicht immer ohne Probleme ab. Sein erster Gegenspieler war Holger Kaiser (54) aus Kaufungen. Seit Jahren schon spielt er in der Liga, tritt zweimal in der Saison in der JVA gegen die SG Schönfeld an. „Ich habe Gäfgen direkt wiedererkannt“, sagt Kaiser. Er weiß, wer ihm gegenüber steht, doch Kaiser blendet die Tat aus, bleibt konzentriert und gewinnt sein Spiel. „Man sollte ja auch an das Gute im Menschen glauben“, sagt Kaiser über seinen Gegenspieler. Der TSV Vellmar III dagegen trat mit Mannschaftsführer Arnold Sterzing nicht zu dem Spiel im Knast an, seit Gäfgen dort mitspielt. „Für uns ist seine Aufstellung nicht nachvollziehbar“, sagt Sterzing. Auch die anderen Gefangenen seien gewiss keine Chorknaben, allerdings sei Gäfgen eine Person der Öffentlichkeit, über dessen Tat jeder Bescheid wisse.

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Der Problematik um Häftling Gäfgen ist sich auch JVA-Chef Nebe bewusst. „Natürlich wühlt die Personalie Emotionen auf. Das kann ich gut nachvollziehen. Aber aufgrund seiner sportlichen Qualifikation und unseres therapeutischen Ansatzes gibt es für uns keinen Grund, Gäfgen aus der Mannschaft auszuschließen.“ Auf die Vorbehalte seitens der Tischtennismannschaften hat die JVA aber im Saisonverlauf noch reagiert. „Jeder, der nicht gegen Gäfgen spielen wollte, musste das auch nicht. Er hat dann seine Partien abgeschenkt“, macht Tischtennis-Kreiswart Günter Wedekind deutlich. Er hält diesen Kompromiss für eine faire Lösung. Ihm sind drei Mannschaften bekannt, die aufgrund von Gäfgen nicht mehr im Knast spielen wollen. Zuletzt trat der FSK Lohfelden V zwar an, die Spiele mit Gäfgen wurden aber kampflos für Lohfelden gewertet.

Zum Schluss sagt Gäfgen noch einen Satz: „Wenn ich wieder draußen bin, werde ich wieder in einen Tischtennisverein eintreten.“ Dann geht er zurück in seine Zelle.

Von Daniel Schneider

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