Kasselerin unterlag vor Gericht, das keinen Härtefall erkannte

Tochter muss für Grab des Prügelvaters zahlen

Kassel. Kinder müssen nach einem Verwaltungsgerichtsurteil auch dann für die Beerdigungskosten ihres Vaters aufkommen, wenn dieser sie in Kindheitstagen schwer misshandelt hat und deshalb schon seit Jahrzehnten kein Kontakt mehr besteht.

Vor Gericht in Würzburg wurde eine Krankenschwester aus Kassel jetzt dazu verurteilt, die Kosten für die von Amts wegen angeordnete Bestattung ihres Vaters anteilig zu übernehmen. Die 48-Jährige hatte in dem Rechtsstreit gegen die Stadt Würzburg argumentiert, dies sei ihr angesichts der Vorgeschichte nicht zuzumuten. Vor Gericht schilderte sie ihren Vater als gewalttätigen Alkoholiker, der sie und ihre Geschwister immer wieder massiv geschlagen und psychisch unter Druck gesetzt habe. Unter den Folgen leide sie, durch ärztliche Atteste belegt, noch heute erheblich. Sie sei 16 Jahre alt gewesen, als sich die Eltern trennten. Seither habe sie keinerlei Kontakt mehr zu dem Mann gehabt.

Als dieser 2010 gestorben war, hatte die Stadt Würzburg für die Beerdigung gesorgt, da zunächst keine Angehörigen zu ermitteln waren. Schließlich wurden zwei Töchter ausfindig gemacht – die eine akzeptierte den Kostenbescheid, die Kasselerin zog gegen die Forderung in Höhe von 850 Euro vor Gericht und unterlag.

Nur in ganz bestimmten Fällen, so die Urteilsbegründung, könne eine Kommune von der Rückforderung der Bestattungskosten bei Angehörigen absehen – die geschilderten Verfehlungen des Mannes erfüllten diese Voraussetzung nicht.

Der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel hatte in einer Grundsatzentscheidung Ende 2011 einen solch außergewöhnlichen Härtefall erkannt. Dabei ging es um die Bestattung eines Mannes, der 1992 in Melsungen seine Frau umgebracht und nach Verbüßung seiner Haftstrafe Suizid begangen hatte. Es sei einem Sohn des Ehepaars nicht zuzumuten, die Beerdigung zu bezahlen, urteilte der VGH.

Von Axel Schwarz und Franz Barthel

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