AWO weist Kritik zurück

Mann stirbt allein im Altenheim - Kinder erheben nun schwere Vorwürfe

Sylvia Klinge und Christian Krieger sind empört über das Awo-Pflegeheim Am Wehrturm in Kassel-Niederzwehren.
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Sylvia Klinge und Christian Krieger sind empört über das Awo-Pflegeheim in Kassel-Niederzwehren.

Zwei Geschwister erheben schwere Vorwürfe gegen ein Altenzentrum in Kassel. Ihr Vorwurf: Sie durften ihren Vater Leo Krieger vor dessen Tod nicht mehr besuchen.

  • Zwei Geschwister erheben schwere Vorwürfe gegen ein AWO-Altenzentrum
  • Wegen Corona-Beschränkungen sei ihnen der Besuch beim Vater nicht möglich gewesen
  • Die Angehörigen erfuhren nicht, dass der Vater im Sterben lag

Kassel – Die 64-jährige Sylvia Klinge aus Kaufungen und ihr Bruder Christian Krieger (59) aus Kassel machen den Mitarbeitern des AWO-Altenzentrums Niederzwehren schwere Vorwürfe. Die Geschwister sagen, dass sie ihren im Sterben liegenden Vater Leo Krieger nicht besuchen durften. Deshalb habe der 86-jährige Leo Krieger am Mittwoch, 12.08.2020, völlig allein sterben müssen.

Corona: Mann in Kassel stirbt - AWO weist schwere Vorwürfe zurück

Die AWO Nordhessen weist diese Vorwürfe zurück. Es habe keinerlei Anzeichen dafür gegeben, dass Leo Krieger bald sterben wird. „Er ist plötzlich verstorben“, so AWO-Sprecherin Sigrid Wieder. Das sehen Kriegers Kinder anders.

Ihr Vater sei schwer krank gewesen. Sein Herz habe nur noch 20 Prozent Leistung gehabt, er litt an Diabetes und habe nur noch eine Niere gehabt. Die Geschwister erzählen, dass sie ihren Vater und ihre Mutter, die ebenfalls in dem Altenzentrum in Kassel lebt, allerdings in einem anderen Zimmer, regelmäßig besucht hätten. Wegen der Corona-Regeln hätten sie sich entweder mit ihrem Vater im Besucherraum getroffen oder hätten ihn mit dem Rollstuhl spazieren gefahren. Das sei zum letzten Mal am 04.08.2020 geschehen.

Kassel: Kinder konnten Vater wegen Corona nicht besuchen

Am Samstag, 08.08.2020, und am Sonntag, 09.08.2020, habe er in dem Altenheim in Kassel angerufen, um zu erfahren, wie es seinem Vater geht, sagt Christian Krieger. Ein Mitarbeiter des Pflegediensts habe ihm mitgeteilt, dass es dem Vater schlecht gehe und er nicht aus dem Bett könne. Daraufhin habe er den Pflegedienst gebeten, seinen Vater im Zimmer besuchen zu dürfen. Das sei ihm mit Blick auf die Corona-Bestimmungen verwehrt worden.

Ist gestorben: Leo Krieger.

Am Montag (10.08.2020) habe er erneut im Heim angerufen, um die Erlaubnis zu bekommen, seinen Vater in dessen Zimmer besuchen zu dürfen. Da habe er die Auskunft bekommen, seinem Vater gehe es gut und deshalb gebe es keinen Grund, dass er ihn sehen müsse. Als er gesagt habe, dass das nicht stimmt, so Krieger, sei ihm gesagt worden, die Pflegedienstleitung melde sich bei ihm. Das sei nicht geschehen.

Starb der Mann in Kassel wegen Corona-Beschränkungen allein?

Am Dienstag, 11.08.2020, hatte Sylvia Klinge einen Besuchstermin bei ihrem Vater in Kassel. Ihr wurde an der Tür mitgeteilt, dass er nicht runter ins Besucherzimmer kommen wolle. Daraufhin habe sie ihn angerufen. „Ich habe ihn gefragt, ob er mich nicht sehen will und was los ist“, sagt die 64-Jährige. Daraufhin habe der Vater gesagt, dass er sie treffen wolle. Der Pflegedienst habe ihr mitgeteilt, dass sie dafür, vermutlich aufgrund von Corona, eine halbe Stunde warten müsse. Das habe sie auch getan.

Dann habe sie erneut die Auskunft bekommen, dass der Vater nicht ins Besucherzimmer kommen wolle. Sie habe den Vater erneut angerufen und er habe gesagt, dass er sie sehen wolle. Doch nichts geschah. 15 Minuten später habe sie dann die Auskunft bekommen, dass ihre Besuchszeit vorbei sei und sie gehen müsse. Die AWO widerspricht an dieser Stelle. „Der Vater wollte nicht runtergehen. Das haben wir respektiert“, so Sprecherin Sigrid Wieder.

Mann stirbt in Kasseler Altenheim: „Ich hätte meinem Vater so gerne die Hand gehalten“

Am nächsten Tag bekamen die Geschwister dann die Nachricht, dass ihr Vater gestorben ist. Zudem wurde ihnen angeboten, dass sie sich von ihrem toten Vater in dessen Zimmer verabschieden können. „Ich hätte meinem Vater so gern die Hand gehalten, damit er nicht allein sterben muss“, sagt Christian Krieger. Er verstehe die Logik nicht, dass er seinen Vater in dem Altenheim in Kassel-Niederzwehren nicht besuchen durfte, als er noch lebte, aber Zutritt ins Zimmer bekommen sollte, nachdem er gestorben war.

Der Mann sei plötzlich gestorben, so Sigrid Wieder. „Es hat nichts darauf hingedeutet, dass  er stirbt.“ Die Vitalwerte von Leo Krieger seien kontrolliert worden. Wenn der Verdacht einer „finalen Phase“ vorliege, dann würden die Angehörigen immer informiert und dürften natürlich in die Einrichtung kommen. Auch in Zeiten von Corona. „Bei uns muss niemand einsam sterben“, sagt Wieder.

Auch im letzten Jahr stand ein AWO-Altenheim in der Kritik

Im letzten Jahr stand ein Altenheim der AWO in der Kritik. Hierbei ging es um eine Erhöhung der Selbstbeteiligungskosten. Angehörige der Heimbewohner ärgerten sich: „Wir wollen nicht mehr Geld zahlen“.

Zuletzt brannte es in einem Altenheim der AWO in Kassel. Mehrere Menschen erleideten Rauchgasvergiftungen und Brandverletzungen. Die Polizei ermittelt. (Ulrike Pflüger-Scherb).

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