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Tod und Zerstörung im Feuersturm vor 79 Jahren

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Von: Thomas Siemon

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In der Bombennacht: Die Aufnahme entstand vor 79 Jahren in der Kasseler Innenstadt.
In der Bombennacht: Die Aufnahme entstand vor 79 Jahren in der Kasseler Innenstadt. © privat/Hans-Joachim Abel/NH.

In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober Oktober 1943 wurde im Zweiten Weltkrieg die Kasseler Innenstadt durch einen Großangriff zerstört. 10 000 Menschen kamen damals ums Leben.

Kassel – Der Fliegeralarm an diesem Freitag hörte sich nicht anders an als bei den vielen Bombenangriffen auf Kassel zuvor. Um 20.17 Uhr war das. Zu diesem Zeitpunkt war die Sorge zwar groß, doch es ahnte noch niemand, wie schlimm es werden würde. Der 22. Oktober 1943 ist als Kasseler Bombennacht in die Geschichte eingegangen, ähnlich wie die Bombennächte im Juli 1943 in Hamburg oder Dresden im Februar 1945.

Das Inferno, das mit dem Feuersturm in der zum größten Teil aus Fachwerkbauten bestehenden Kasseler Altstadt ausbrach, war weitaus schlimmer als alle Zerstörungen zuvor. Bei bester Sicht an einem klaren und ungewöhnlich warmen Oktobertag hatte die Royal Air Force zunächst einen Scheinangriff auf Frankfurt geflogen. Dann drehten die rund 500 Bomber mit ihrer tödlichen Fracht Richtung Norden ab. Von der Strategie, in erster Linie die Standorte von Rüstungsfirmen wie Henschel und Fieseler zu bombardieren, waren die Engländer längst abgerückt. Jetzt wollte man durch größtmögliche Zerstörungen die Bevölkerung gegen die NS-Machthaber aufbringen. Historiker sind sich einig, dass das misslang.

Zur Erinnerung: Nur gut vier Jahre zuvor, am 4. Juni 1939, fand der Reichskriegertag in Kassel statt. Damals jubelten die Menschen dem Führer Adolf Hitler zu. Bereits im September 1941 bekam Kassel zu spüren, was Krieg bedeutet. Bei einem der ersten Luftangriffe traf eine Bombe das Fridericianum und zerstörte Teile der dort untergebrachten Bibliothek.

Am 23. Oktober 1943 wurden nur wenige Meter entfernt auf dem Friedrichsplatz die Leichen von Frauen, Kindern und meist alten Männern abgelegt. Viele von ihnen waren in den Luftschutzkellern ums Leben gekommen. Dort wurde durch den Feuersturm der Sauerstoff in der Luft immer weniger. Die meisten seien irgendwann eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht, hieß es später in Protokollen von Feuerwehr und Polizei. Viele Zeitzeugen berichten davon, dass sie trotz der großen Gefahr durch Bomben und Feuer den Luftschutzkeller verlassen haben.

Sie sind rausgerannt, haben sich – oft in feuchte Decken eingewickelt – zwischen brennenden und einstürzenden Häusern durchgekämpft. Aus den Aufzeichnungen des mittlerweile verstorbenen Horst Wagner (Jahrgang 1926) stammt diese Schilderung: „Die Königsstraße war ein einziges Flammenmeer. Auf beiden Seiten brannten die Häuser, das war zu erkennen, obwohl die meisten Fassaden noch standen. Aber aus den Fensterhöhlen schossen die Flammen. Durch diese Straße würden mich keine zehn Pferde bringen. Aber ich fand einen Weg. Durch die untere Friedrichsstraße zur Frankfurter Straße, dann weiter über den Friedrichsplatz zum Steinweg. Wenn sich die über der Stadt liegende Rauwolke für einen Moment verzog, sah es aus, als ob Kassel unter einer Feuerglocke läge. Der gesamte Straßenzug vom Steinweg bis zur Entengasse war ein Flammenmeer. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass sich die Brände in dieser kurzen Zeit so schnell ausbreiten würden.“

Horst Wagner hatte Glück und überlebte den Feuersturm. Der forderte geschätzte 10 000 Opfer. Bei vielen war es schwierig, sie zu identifizieren. Das Gräberfeld auf dem Kasseler Hauptfriedhof mit dem immer wieder zu lesenden Todesdatum ist ein Mahnmal. (Thomas Siemon)

Der Tag danach: Rund um den Friedrichsplatz sind die Ruinen der ausgebrannten Häuser zu sehen. Rettungskräfte suchten nach Überlebenden, oftmals vergeblich. Archi
Der Tag danach: Rund um den Friedrichsplatz sind die Ruinen der ausgebrannten Häuser zu sehen. Rettungskräfte suchten nach Überlebenden, oftmals vergeblich. © Stadtmuseum/nh
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Eine Ruinenlandschaft: So sah Kassel nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Die Aufnahme hat der Trümme © graf Walter Thieme vom Turm der Lutherkirche gemacht.
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Blick auf Schuttberge: So sah es am Graben in der Nähe der ausgebrannten Martinikirche aus. © privat/Robert Ditschar/NH.

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