Nordhessen kämpfen für Ausreise ihrer Familien

Kasseler haben Todesangst um Angehörige aus Afghanistan

Sie sorgen sich um Angehörige in Afghanistan: (von links) Freschta Qayumi, Fariyal Mir und Tamim Seiffi.
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Sie sorgen sich um Angehörige in Afghanistan: (von links) Freschta Qayumi, Fariyal Mir und Tamim Seiffi.

Sie haben derzeit keine ruhige Minute, verbringen fast den ganzen Tag am Telefon, um mit dem Auswärtigen Amt oder den Büros von Bundestagsabgeordneten zu telefonieren. Sie sind in Sorge um ihre Familienangehörigen in Afghanistan: die 37-jährige Freschta Qayumi aus Nieste sowie der 39-jährige Tamim Seiffi aus Baunatal und seine Schwester Fariyal Mir (34).

Kassel - Alle drei sind selbst politische Flüchtlinge. Anfang der 1990er-Jahre während des afghanischen Bürgerkriegs sind ihre Eltern mit ihnen von Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Der Vater von Freschta Qayumi war zuvor afghanischer Botschafter in Indien gewesen, der Vater von Fariyal Mir und Tamim Seiffi war damals Generalsekretär der afghanischen Volkspartei. „Für meine Mutter ist die derzeitige Lage in Afghanistan besonders schlimm. Für sie wiederholt sich alles“, sagt Fariyal Mir, die beim Gesundheitsamt der Stadt Kassel arbeitet und an der Uni ihren Master in Architektur macht.

Sie und ihr Bruder haben besonders Angst um einen Cousin, der für die Welthungerhilfe in Afghanistan gearbeitet hat. Der Mann, der vier Kinder hat, sei kürzlich von den Taliban inhaftiert worden. Er habe es aber geschafft, zu fliehen und unterzutauchen. Daraufhin hätten die Taliban einen Neffen von ihm mitgenommen und setzten diesen als Druckmittel ein. Der Cousin habe 14 Tage Zeit, um sich zu melden, sonst werde seinem Neffen etwas passieren.

Auch ihre Verwandten, die in Kabul leben, darunter Staatsanwälte, Journalisten und die Tochter eines UN-Mitarbeiters, hätten Drohbriefe von den Taliban erhalten, erzählt Freschta Qayumi, die als Personal-Coach arbeitet. Darin sei ihnen angekündigt worden, dass sie alle gehängt werden sollen. Alle seien daraufhin untergetaucht, elf Personen aus zwei Familien. „Seit einer Woche versuche ich, meine Familie aus Afghanistan rauszuholen“, sagt die 37-Jährige. Ohne Erfolg. Da die deutsche Regierung mittlerweile alle Flüge von Kabul eingestellt hat, habe sie auch nur noch wenig Hoffnung.

Freschta Qayumi, Tamim Seiffi und Fariyal Mir werfen der deutschen Regierung vor, dass sie ihr Versprechen, alle Ortskräfte aus Afghanistan zu bringen, nicht eingehalten hat. „Deutschland hat einfach die Situation verschlafen“, sagt Tamim Seiffi, der beim EE-Vertrieb in Kassel arbeitet und Fußballtrainer beim SBV 07 Kassel ist. Italien, Tschechien und die Türkei hätten ihre Ortskräfte gezielt aus Afghanistan rausgeholt, sagt Freschta Qayumi. „Warum hat das Deutschland nicht geschafft?“, fragt sie verzweifelt. Sie berichtet von einem Cousin ihres Mannes, der seit Tagen im Flughafen in Kabul festhängt. Der habe in Deutschland eine Duldung, sei dennoch nicht durchgekommen.

Während des Gesprächs mit der HNA am späten Donnerstagnachmittag bekommt Freschta Qayumi ein kurzes Video von dem Cousin geschickt. Dort sind Opfer der Terroranschläge im Flughafen von Kabul zu sehen.

Die drei afghanischstämmigen Nordhessen werfen dem Westen auch vor, dass sich niemand darum gekümmert hat, wo die Milliarden an Hilfsgeldern, die in den vergangenen Jahren nach Afghanistan flossen, wirklich gelandet sind. „Das hat niemanden wirklich interessiert“, sagt Seiffi. Korrupte Regierungsleute hätten sich damit bereichert.

Die drei jungen Leute wissen nicht, was aus der Heimat ihrer Eltern wird. „Nur eins ist sicher“, sagt Freschta Qayumi. „Unter den Taliban wird es keine Bildung mehr für Frauen geben. Und für Jungen gibt es nur noch Koranschulen.“

„Wir haben ein Riesenglück, in Deutschland leben zu können“, sagt Fariyal Mir. „Dass wir Bildung bekommen haben, studieren konnten und ein prächtiges Leben führen können, haben wir Deutschland zu verdanken.“

Dass es auch etwas anderes als Krieg gibt, würden sie gern den Afghanen nahebringen, die mittlerweile nach Deutschland in Sicherheit gebracht worden sind. Sie würden sich gern um Flüchtlinge in Kassel kümmern, Jugendliche betreuen und sogar Kinder, die ohne Eltern in Frankfurt gelandet sind, in ihren Familien aufnehmen. „Wir helfen gern unseren Landsleuten“, sagen die drei. Sie hoffen auch, dass die deutsche Bürokratie das zulässt. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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