Schwimmer verfingen sich in Unterwasserpflanzen

Die tödlichen Badeunfälle in der Buga: Wie gefährlich ist das Schwimmen im Kasseler See?

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Mit Booten und Tauchern musste bereits mehrfach nach verunglückten Schwimmern gesucht werden: In den Jahren 2018, 2016, 2014 und 2010 starben Menschen durch Badeunfälle in der Kasseler Buga.

Im Mai ertrinkt ein Schwimmer in der Buga - es ist der vierte Fall innerhalb der vergangenen Jahre. Muss man im Kasseler See besonders vorsichtig sein? Ein Blick auf das nordhessische Ausflugsziel.

20 Männer und drei Frauen stehen an der Buga und schauen auf den See hinaus. Sie warten. Sie denken an ihren Freund Imad H. Hoffnung haben sie kaum noch, denn auf dem Schlauchboot, mit dem nach dem jungen Mann Ausschau gehalten wird, fahren Leichenspürhunde mit. Sie sind dafür ausgebildet, Tote auch unter Wasser aufzuspüren.

Imad H. können sie dennoch nicht finden. Erst eine Woche später, am 22. Mai 2018, treibt die Leiche des Irakers auf der Wasseroberfläche. Der 33-Jährige ist ertrunken – obwohl er schwimmen konnte.

Insgesamt sind 2017 laut dem Portal Statista.com 404 Menschen in den Badeseen Deutschlands ums Leben gekommen. „Trotz intensiver Nutzung des Buga-Sees kommt es hier sehr selten zu tragischen Unglücksfällen“, sagt Michael Schwab von der Stadt Kassel. Auch Jürgen Wolf, Pressesprecher der Kasseler Polizei, findet, „man kann nicht davon sprechen, dass dort viel passiert ist.“

Wie oft ertrinken Menschen in der Buga?

Wie viele Badeunfälle es insgesamt – einschließlich der Unfälle mit glimpflichem Ausgang – gegeben hat, kann die Polizei nicht sagen, dazu liegen keine Zahlen vor. Ein Blick auf die Todesfälle in der Buga zeigt aber: Insgesamt sind dort seit 2010 vier Menschen gestorben.

  • Zuletzt verunglückte im August 2016 ein 78-jähriger Mann im See: Er war im FKK-Bereich ins Wasser gegangen und weit hinaus geschwommen, bis zu einer Stelle, an der dichte Unterwasserpflanzen wuchsen. Er ging unter - vor den Augen seiner 73-jährigen Lebensgefährtin. Sie schrie um Hilfe, Zeugen setzten sofort einen Notruf ab, doch Rettungskräfte konnten den Schwimmer nicht mehr finden. Auch sie hatten mit dem starken Bewuchs zu kämpfen: Die Leine der Taucher verfing sich in den Pflanzen, das Echolot, das den Untergrund abtastete, wurde beeinträchtigt und die Druckluftflaschen waren nach dem Auftauchen grün und schleimig. „Die Pflanzen sind so dicht, dass man kaum vorwärts kommt, das ist wie eine Hecke unter Wasser“, beschrieb es Feuerwehrmann Tim Färber damals gegenüber der HNA.
Ein Taucher kämpfte sich 2016 durch die Unterwasserpflanzen der Buga: Sogar seine Pressluftflasche war grün bedeckt.

Die Suche blieb erfolglos. Der 78-Jährige wurde erst gefunden, als seine Leiche von allein an die Wasseroberfläche trieb.

  • Es war nicht der erste Fall, der sich nach diesem Muster abspielte: Auch im Juli 2014 ging ein Mann ins Wasser und verschwand spurlos. Zeugen setzten einen Notruf ab, sie hatten jemanden untergehen gesehen. Wegen starken Algenbewuchses musste die Suche der Taucher allerdings noch am gleichen Abend wieder abgebrochen werden. „Das war zu gefährlich für unseren Taucher“, sagte Einsatzleiter Karsten Fischer damals gegenüber der HNA.

Am Ufer fand die Polizei persönliche Gegenstände und Kleidungsstücke eines 60-jährigen Baunatalers. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sei der Mann alkoholisiert gewesen, als er ins Wasser ging. Hier habe er dann die Kontrolle verloren, so die Polizei. Auch er ist ertrunken, diese Gewissheit gab es dann drei Tage später: Sein Körper trieb leblos auf dem Wasser.

  • Das jüngste Opfer eines Badeunfalls der vergangenen Jahre in Kassel war gerade einmal 16 Jahre alt: Ein Junge starb im Juni 2010 an den Folgen eines Unglücks. Mit Freunden wollte der Jugendliche zu einer Plattform im See schwimmen, allerdings verließen ihn die Kräfte. Er wurde noch von Einsatzkräften aus dem Wasser gezogen und ins Krankenhaus gebracht, gerettet werden konnte er aber nicht mehr.

Wieso ertrinken Menschen in der Buga?

„Die Gründe, warum Menschen in natürlichen Gewässern in Not geraten oder gar ertrinken, sind vielfältig“, sagt Schwab. Häufig unterschätzen sie ihre Kräfte und wagen sich zu weit hinaus. Gefährlich wird es auch, wenn Vorerkrankungen ignoriert werden oder die Schwimmer Alkohol getrunken haben: In diesem Zustand kann die Selbstüberschätzung besonders groß sein, außerdem kühlen die Menschen leichter aus, ohne es zu merken.

„Auch der plötzliche Kontakt mit kälteren Wasserschichten kann Schwimmer in Bedrängnis bringen“, sagt Schwab. Insbesondere weit entfernt vom Ufer kann das zum Problem werden. Was in der Buga allerdings häufiger zu Unfällen führte, waren die Unterwasserpflanzen. „Manchmal geraten Menschen in Panik, wenn sie mit Wasserpflanzen in Kontakt kommen und sich in ihnen verfangen“, erklärt Schwab. 

Mit Booten und Tauchern wurde 2016 nach dem verschwundenen Schwimmer gesucht.

Daher weisen Warnschilder rund um den Buga-See auf die Pflanzen hin: Sie wachsen außerhalb der Badebereiche. Es ist daher ratsam, sich genau über diese Bereiche zu informieren und sie nicht zu verlassen. Wer dennoch mit den Pflanzen in Kontakt kommt, sollte ruhig bleiben, sich auf den Rücken drehen und langsam darüber hinweg schwimmen.

„Meines Erachtens gibt es keinen Grund für ein Badeverbot“, sagt Jürgen Wolf von der Polizei Kassel. Und Schwab fasst es so zusammen: „Der Buga-See ist ein natürliches Badegewässer, in dem man auf eigene Gefahr baden kann.“

Könnten weitere Leichen in der Buga liegen?

Es ist eine Horrorvorstellung des ein oder anderen ängstlichen Schwimmers: Was, wenn im Buga-See noch Wasserleichen liegen? Jürgen Wolf von der Polizei Kassel hält das für ausgeschlossen. „Dort wird niemand vermisst und auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Leichnam nicht an die Oberfläche getrieben wird, ist äußerst gering bis ausgeschlossen“, sagt der Pressesprecher.

Hier finden Sie den Buga-See

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