Landgericht verhandelt wegen Totschlags gegen einen 70-jährigen Kasseler

Prozess vor Landgericht: Tödlicher Streit um Aschenbecher?

Kassel. „Wer bringt denn wen wegen ’nem Aschenbecher um?“, fragt der Zeuge und packt sich an den Kopf. Dass es darum in einem Streit ging, in dem einer seiner Nachbarn einen anderen erstochen haben soll, kann der 42-Jährige nicht glauben.

Der Angeklagte sei ein ganz Friedlicher, betont er Montag vor dem Kasseler Landgericht: „Für mich kann das nur Affekt gewesen sein.“

Die Anklage lautet auf Totschlag. Der Mann, dem die Tat vorgeworfen wird, ist 70 Jahre alt, weißhaarig und nur noch so gut auf den Beinen, dass das Gericht ihn in kleineren Verhandlungspausen lieber im Saal sitzen lässt.

Seit 8. März sitzt er in Untersuchungshaft. Einen Tag zuvor soll er einen 55-jährigen Nachbarn in einem Wohnhaus in Bettenhausen mit 21 Messerstichen attackiert haben. Der Mann verblutete.

Das Verhalten des alten Mannes im Prozess ist schwer zu deuten. Es scheint irgendwo zwischen Teilnahmslosigkeit, Desinteresse und Überforderung zu liegen - mit Prisen von Grantelig- oder auch nur Schwerhörigkeit. „Sie verstehen mich?“, fragt Richter Volker Mütze ganz zu Anfang. „Was?“, sagt der Angeklagte. Mütze spricht daraufhin noch lauter.

Erinnerungslücken

Zum Tatvorwurf selbst schweigt der alte Mann. Sein Verteidiger, Christoph Röcher, erklärt, der Mandant bedauere den Tod des 55-Jährigen, könne sich aber bei allem Bemühen an nichts erinnern. Ob das Gericht das glaubt, dürfte von einem psychiatrischen Gutachten mit abhängen. Und davon, was es von den bis zu 2,71 Promille Alkohol hält, die der alte Mann zur Tatzeit im Blut gehabt haben soll.

Zwei Zeugen sagen am Montag, auch der Getötete habe an jenem Abend gut getrunken. Der sei dann immer komisch geworden, aggressiv. Der zentrale Zeuge soll ausgesagt haben, er habe den Getöteten für „ein Arschloch“ gehalten. So steht es im Polizeiprotokoll seiner Vernehmung.

Vor allem aber berichtet das Protokoll über den fraglichen Abend: Der Zeuge habe angegeben, er sei in der Wohnung des 70-Jährigen gewesen, als der 55-Jährige hereinstürmte und zehn Euro Finderlohn für einen Aschenbecher mit Hundemotiv verlangt habe. Der Angeklagte habe den Zeugen dann kurz aus der Wohnung gebeten.

Vor der Tür habe er ein Röcheln gehört und den 70-Jährigen, der sagte: „Hast du jetzt endlich genug?“ Als er wieder eingelassen worden sei, habe der 55-Jährige in einer Blutlache am Boden gelegen. Der Alte habe sich mit einer Zigarette in seinen Sessel gesetzt und gesagt: „Lass den liegen.“ Schwierig nur für das Gericht: Gerade der Zeuge, der all das wissen soll, ist mittlerweile verschollen.

Der Angeklagte hat Montag seinen lebhaftesten Moment, als ihm ein Foto gezeigt wird: „Der Aschenbecher mit Hund - war das der?“, fragt der Richter. Der 70-Jährige auf der Anklagebank fragte: „Krieg ich den wieder?“

Von Katja Schmidt

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