Totensonntag

„Schatzi, du glaubst nicht, was passiert ist“ - Kasseler geht jeden Tag ans Grab seiner Partnerin

Thomas Hofmann aus Kassel am Grab seiner verstorbenen Partnerin auf dem Friedhof Wehlheiden.
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Hilfreiches Ritual: Thomas Hofmann am Grab seiner verstorbenen Partnerin auf dem Friedhof Wehlheiden.

Seit dem Tod seiner Partnerin im September vergangenes Jahr hat Thomas Hofmann an jedem einzelnen Tag ihr Grab auf dem Friedhof Wehlheiden besucht.

Kassel - Bei jedem Wetter, bei Regen oder Sturm, zu jeder Tages- und Nachtzeit war er schon am Grab, mehr als 400 Mal, ist er zu Fuß an die kleine Grabstätte im Friedpark-Bereich gekommen.

Wenn ihn jemand unterwegs trifft und unbekümmert fragt: Wo gehst du hin?, antwortet Thomas Hofmann. „Ich gehe zu meiner Süßen.“ Und er wirkt fast heiter dabei. Er sagt: „Zum Grab gehen, ist mein täglich Brot.“ Es ernähre ihn und helfe weiterzuleben.

Die Trauer um Petra, die „Frau seines Lebens“, Mutter von drei erwachsenen Kindern und begeisterte Großmutter, die ohne Vorwarnung an plötzlichem Herztod gestorben ist, hat ihn wie ein Blitzschlag getroffen und erschlagen und tut es noch immer. „Ich kann bis heute nicht schlafen“, sagt der 70-jährige Sozialarbeiter. Er sei professionell genug, um zu wissen, dass es ungesund ist, so lange so stark zu trauern, und dass er an einer repressiven Depression leide. Aber er könne es zurzeit nicht ändern. Er arbeite daran.

Der Gang zum Grab, das er, Petras Familie – Mutter und Kinder – und Freunde liebevoll pflegen und schmücken, tue ihm gut, helfe ihm, sagt er. Zu trauern? Hofmann überlegt: Nein, er komme zum Grab, um mit Petra zu reden. Über sie, über sich, über Bedeutendes und Banales. „Hör mal Schatzi, du glaubst nicht, was mir passiert ist? Ich bin geblitzt worden“, sagt er dann. Oder er weint. Oder er drückt seine Wut aus: „Das ist so ungerecht! Du solltest leben!“

Sie hätte mit 63 Jahren nicht einfach von jetzt auf gleich sterben dürfen. Nicht vor ihrer Mutter und auch nicht vor ihm, dem älteren Mann, findet Hofmann. Seit ihrem 15. Lebensjahr habe Petra, eine Industriekauffrau, gearbeitet. Auf ihre Rente mit mehr Zeit für Reisen und die Familie habe sie sich gefreut.

Für ihn, der die meiste Zeit seines Lebens als Single mit wechselnden Bekannten gelebt hatte, war Petra das große Glück. „Sie war die einzige Frau, die ich jemals angebaggert habe.“ Und sie war die Richtige. „Wir waren uns einig.“ Über zehn Jahre seien sie ein glückliches Paar gewesen, „mit allen Höhen und Tiefen“.

Bis zu dem Morgen, als er ins Bad kam und fragte: „Machst du Gymnastik?“ Aber Petra war tot zusammengebrochen, die Haare vom Duschen noch nass und den Frühstückstee schon zubereitet. „Wir konnten uns nicht verabschieden“, sagt Thomas Hofmann. Das quäle ihn. Sie sei mitten aus dem – auch seinem – Leben gerissen worden. Am Abend zuvor hatten sie noch in der „Backstube“ mit Freunden gelacht.

Zu den Ritualen von Thomas Hofmann gehört die Grabpflege. Sorgfältig sammelt er das herabgefallene Laub von dem Natur-Grabstein. „Das mache ich für Petra“, sagt er und kann sich ein Lachen nicht verkneifen: „Sie mochte keine Krümel und war da pingelig.“

In Kolumbien, wo Hofmann lange als Sozialarbeiter gearbeitet hat, lernte er ein Abschiedsritual kennen, das er gerne machen würde: Bei der „Ultima Novena“ werden nicht nur Rosenkränze gebetet, sondern fröhliche Lieder gesungen, gegessen und getrunken. Damit soll der Verstorbene von allem irdischen Ballast befreit werden. „Ich weiß, dass das hilft“, sagt Hofmann, aber es fehlte bis jetzt die Kraft, das anzugehen. (Christina Hein)

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