Staatsanwaltschaft: Es liegen keine Ermittlungsansätze wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung vor

Toter Häftling in JVA: Versehen folgte auf Versehen

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Die Justizvollzugsanstalt Kassel I in Wehlheiden: Der Tod eines 54-jährigen Häftlings in seiner Einzelzelle wirft Fragen auf.

Kassel. Eins ist offenbar unstrittig: Der Gefangene José C. ist nicht ermordet worden, und er hat auch keinen Suizid begangen. Der 54-jährige Häftling starb am Morgen des 23. Februar an Herzversagen. Die Umstände seines Todes werfen allerdings einige Fragen auf.

Der Häftling hätte bis Juni 2020 eine Haftstrafe wegen räuberischer Erpressung in der Justizvollzugsanstalt Kassel I verbüßen müssen.

Bereits kurz nach dem Tod des Häftlings wurde die HNA über den Fall informiert. Auf Nachfrage erklärten Gefängnisleitung und Justizministerium, dass der Mann, der seit 2001 im Gefängnis sitzt, eines natürlichen Todes gestorben sei. Er sei um 7.10 Uhr leblos auf seinem Bett vorgefunden worden. Der Mann war bereits angekleidet und der Fernseher lief. Wiederbelebungsversuche seien ohne Erfolg geblieben. Ein Notarzt habe einen Herzinfarkt als vermutliche Todesursache vermerkt.

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Um Zweifel auszuräumen, sei eine Obduktion angeordnet worden. Diese habe keinerlei Hinweise auf Fremdverschulden oder eine Selbsttötung ergeben. Was weder JVA-Leiter Jörg-Uwe Meister noch Ministeriumssprecher Dr. Hans Liedel erwähnten: Der Spanier hatte kurz vor seinem Tod noch die Rufanlage in seiner Zelle betätigt, und niemand hatte daraufhin nach dem Rechten gesehen.

Allerdings war Ministerialdirigent Dr. Helmut Roos, der die Aufsicht über die 16 hessischen Justizvollzugsanstalten führt, dieser Umstand bekannt. In einem Bericht über „besondere Vorkommnisse in den Justizvollzugsanstalten“, der der HNA vorliegt, teilte er dies den Mitgliedern des Unterausschusses Justizvollzug bereits am 25. Februar mit. Darin steht auch, dass sich der Gefangene lediglich „verdrückt“ habe, also keine Hilfe bei der Zentrale angefordert habe. Alles sei nur ein Versehen gewesen. Allerdings wurden die Mitglieder des Unterausschusses Justizvollzug in dem Bericht nicht darüber informiert, dass das rote Lichtsignal außen an der Zellentür noch aktiviert war, als der Kriminaldauerdienst in der Zelle eintraf.

Das haben Polizei und Staatsanwaltschaft jetzt der HNA auf Anfrage bestätigt. Der Bedienstete in der Zentrale, der den Ruf des Gefangenen um 6.12 Uhr entgegennahm, habe ausgesagt, dass es ebenfalls ein Versehen gewesen sei, dass er das Lichtsignal über der Zelle nicht zurückgesetzt habe, sagt Dr. Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel (siehe Hintergrund). Der Ermittlungsbehörde lägen keine Anhaltspunkte vor, um in dem Fall wegen des Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung zu ermitteln.

„Wir gehen davon aus, dass die Angaben des Beamten glaubhaft und richtig sind“, sagt Dr. Hans Liedel, Sprecher des Justiziministeriums. Zwei Kollegen, die am Samstag just zu diesem Zeitpunkt in der Zentrale gewesen seien, hätten seine Angaben bestätigt. Wenn der Inhaftierte über die Rufanlage Hilfe angefordert hätte, wäre auch reagiert worden. „Kein Bediensteter der JVA nimmt den Tod eines Inhaftierten fahrlässig in Kauf. Das ist abwegig“, sagt Liedel.

Von Ulrike Pflüger-Scherb und Katja Rudolph

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