Die Geschichte eines ungewöhnlichen Fundes

Ehrlich fährt am längsten: Dieser KVG-Fahrer aus Kassel fand 8000 Euro in der Bahn

Straßenbahnfahrer Manuel Fehr vor einer Straßenbahn am Bahnhof Wilhelmshöhe.
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Guter Mann bei der KVG: Straßenbahnfahrer Manuel Fehr.

Ehrlich fährt am längsten: Das dachte sich der Kasseler Tramfahrer Manuel Fehr, als er eine Tasche mit mehr als 8000 Euro Bargeld in der Straßenbahn fand. Das ist die ganze Geschichte.

Kassel – Dass in der Straßenbahn mal was liegen bleibt, ist nicht ungewöhnlich. Und so ist es für Manuel Fehr auch Routine, als er am vergangenen Montag kurz vor Schichtende an der Endstation Papierfabrik noch mal durch die Tram der Linie 4 geht. Er entdeckt auf einem Sitz eine schwarze Umhängetasche. Als er hineinschaut, staunt der 29-Jährige nicht schlecht: Mehrere Tausend Euro stecken in einem Portemonnaie darin. Genau nachgezählt hat Fehr nicht.

Lieber meldet der Straßenbahnfahrer den Fund sofort der Leitstelle. „Das ist doch selbstverständlich“, sagt der Niederzwehrener, der seit zweieinhalb Jahren bei der KVG arbeitet. Wenn er selbst mal eine hohe Summe Bargeld verlieren sollte, würde er sich ja auch wünschen, dass der Finder ehrlich ist. Wobei Manuel Fehr eher selten mit großen Scheinen in der Tasche unterwegs ist.

Wenig später übergibt er die Tasche samt Inhalt einem Leitstellen-Mitarbeiter, der sie zur vorübergehenden Fundstelle im Betriebshof Wihelmshöhe bringt. Von dort werden verloren gegangene Dinge alle paar Tage ins städtische Fundbüro gebracht. Doch so weit kommt es gar nicht. Denn die Tasche, in der sich 8750 Euro befinden, wird bereits verzweifelt vermisst. Von Mustafa Ali.

Der 38-Jährige aus Essen ist selbstständig und überführt Autos in ganz Deutschland. An diesem Tag will er für einen Kunden einen Golf 7 im Forstfeld in Kassel holen. Die Tram, in die er am Bahnhof Wilhelmshöhe gestiegen war, hält um 9.47 Uhr an der Forstfeldstraße. Ali steigt aus, die Nummernschilder für den Wagen in der Hand. Erst 20 Minuten später fällt ihm auf: Die Tasche mit dem Geld sowie seinen Papieren und Geldkarten liegt noch in der Tram. „Sie können sich vorstellen, was für ein Schock das war“, sagt der Vater von fünf Kindern im Telefonat mit der HNA. „Ich arbeite hart für mein Geld.“

Als er den Verlust bemerkt, geht er sofort zum Polizeirevier Ost. Der Beamte dort sei sehr nett und hilfsbereit gewesen, sagt der Libanese, der seit 35 Jahren in Deutschland lebt. „Der hat überall herumtelefoniert.“ Vorerst ohne Erfolg. Nach mehr als zwei Stunden vergeblichen Wartens ist Mustafa Ali gerade dabei Anzeige zu erstatten. Denn nur dann darf die Polizei auf die Videobilder aus der Tram zurückgreifen, die sonst nach 72 Stunden gelöscht würden. Doch da kommt der erlösende Anruf der KVG: Die Tasche wartet beim Pförtner im Betriebshof Wilhelmshöhe auf ihren Eigentümer.

Mustafa Ali fällt ein Stein vom Herzen. Mit dem Geld fährt er wieder ins Forstfeld, kann das Auto kaufen und seinen Auftrag erfüllen. Er ist jetzt ein Fan von Kassel. „Es waren wirklich alle total nett“, sagt er: vom Verkäufer des Autos, der ihm im ersten Schock beistand, über die Polizei bis zu den KVG-Mitarbeitern. „Wenn das bei uns in Essen passiert wäre, hätte das keinen interessiert“, sagt Ali.

Noch am selben Tag habe er 150 Euro für Waisenkinder im Libanon gespendet, erzählt der Familienvater. Auch mit Manuel Fehr hat er inzwischen telefoniert und sich bedankt. Nach Finderlohn hat der Kasseler Tramfahrer nicht gefragt. Eigentlich würden ihm bei der Summe rund 140 Euro zustehen - bei Funden in öffentlichen Verkehrsmittel beträgt der Finderlohn lediglich die Hälfte des sonst üblichen Betrags.

Fehr sagt: „Es freut einen doch auch, wenn man helfen kann.“ Dafür ist jetzt ein Päckchen von Essen nach Kassel unterwegs. Eine kleine Überraschung für den ehrlichen Finder. (Katja Rudolph)

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