Seine Kollegen sind an Krebs gestorben

Transporte aus Tschernobyl: Rainer Förster wusch 1986 verstrahlte Lkw

Kassel. In Tschernobyl hat sich vor 25 Jahren die bis dato größte Katastrophe der zivilen Nutzung der Kernkraft ereignet. Rainer Förster musste damals an der deutsch-deutschen Grenze Lastwagen waschen, die radioaktiv kontaminiert waren. Heute lebt er in Kassel.

Busmodelle stehen im Bücherregal aus Kiefernfurnier. Die Wohnung an der Marburger Straße ist plakatiert mit Bildern von Lastwagen und Omnibussen. Kalender, wohin man sieht. An jeder Wand hängt mindestens einer. „Ich bin für jeden Tag dankbar, den ich noch habe“, sagt Rainer Förster.

Der Mann aus Thüringen ist 52 Jahre alt. Ein Arzt hat ihm gesagt, dass er die Rente wohl nicht erleben wird. Die Patientenverfügung hat er schon fertig. Vielleicht ist die Autowäsche an allem schuld. Die Autowäsche nach Tschernobyl.

Bilder vergangener Tage: Rainer Förster sammelt Kalender und Bilder alter Lastwagen und Omnibusse. Es waren Modelle wie dieser Lastzug, die er 1986 in Weimar von radioaktivem Schmutz reinigen musste. Foto: Janz

Als der Reaktor am 26. April 1986 explodierte und ganze Landstriche verseuchte, hat Rainer Förster beim Verkehrsbetrieb in Weimar gearbeitet. Lastwagen aus dem Osten brachten den strahlenden Schmutz auf den Hof. Der damals 27-Jährige musste sie waschen. Nur in Stoßzeiten, aber dann war auch er dem radioaktiven Schmutz schutzlos ausgesetzt.

Die Waschanlage war der Posten für ältere Kollegen, die nicht mehr hart arbeiten konnten. Nun mussten sie schrubben. Den ganzen Tag. Auch am Wochenende.

Binnen weniger Jahre sind drei der vier Kollegen von der Waschanlage gestorben. Krebs. Sie waren erst Anfang 60. Was mit dem Vierten geschehen ist, weiß Förster nicht. „Ich war immer schockiert, was mit ihnen passiert ist.“

So erging es auch den Mitarbeitern anderer Verkehrsbetriebe. Über das Schicksal eines Autowäschers aus Mühlhausen hat die HNA kürzlich berichtet. Als er das las, ging Rainer Förster ein Licht auf.

Der 52-Jährige hat selbst viele Beschwerden. Die Hüfte, die Lunge, die Prostata. Sein Kinderwunsch ging nie in Erfüllung. „Gott sei Dank funktionieren die Augen.“ Rainer Förster ist seit neun Jahren Busfahrer in Kassel.

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Das war er auch in Weimar. Aber der Alkoholiker verlor seinen Führerschein und wurde in die Schlosserei versetzt. Dann kamen die verseuchten Lastwagen aus dem Osten. Seit 1992 ist er trocken. „Wenn ich überleben wollte, musste ich etwas ändern.“ Aber der Alkohol reicht ihm als Erklärung nicht aus, warum er immer wieder der Jüngste in der Reha ist.

Jetzt hat er vielleicht eine Antwort gefunden. Tschernobyl könnte schuld sein. Diese Ahnung reicht ihm. Gewissheit braucht er nicht. Will er auch nicht. Genauso wenig einen Schuldigen: „Das waren sowieso alles nur Befehlsempfänger.“

Auf dem Esstisch mit der Wachsdecke steht ein Strauß gelber Tulpen. Zwei Kreuze hängen an der Wand. „Ich bin gläubiger Christ“, sagt Rainer Förster, „der Glaube hilft mir viel.“ Er möchte die Zeit nutzen, die ihm noch bleibt. Er zählt jeden Tag.

Von Marcus Janz

Hintergrund I: Schrubben ohne Schutz

Russland, Bulgarien, Westdeutschland. So verschieden die Herkunft der Lastwagen war, die ab 26. April 1986 beim Verkehrsbetrieb Weimar gereinigt wurden – zwei Dinge hatten sie gemeinsam: Ihr Ziel lag im Westen, und sie waren radioaktiv verseucht.

Zur Person:

Rainer Förster, 52 Jahre, wurde als Rainer Sobschinski in Weimar geboren. Sein Vater war Fernfahrer, die Mutter Erzieherin. Nach der Schule machte er eine Lehre zum Kraftfahrzeug-Schlosser, ehe er als Fahrer zur Nationalen Volksarmee ging. Seitdem ist er Busfahrer. Nach dem Wehrdienst ging er zum Volkseigenen Betrieb Kraftverkehr in Weimar. Wegen seiner Alkoholprobleme verlor er zweimal den Führerschein. In der DDR galt eine Null-Promille-Grenze. 1992 krempelte Sobschinski sein Leben um: Er fand zu Gott, wechselte die Arbeit und lebt seitdem abstinent. Im Jahr darauf lernte er seine spätere Frau Rosi kennen. Bei der Heirat im Jahr 2000 nahm er ihren Namen an. Das Paar selbst bekam keine Kinder, aber Rosi Förster hatte bereits eine Tochter und zwei Söhne. Nach mehreren Jahren als Reisebus-Fahrer wechselte Förster 2002 zur Kasseler Verkehrs-Gesellschaft. (mcj)

Deshalb war die Fahrt an der innerdeutschen Grenze zu Ende. Die Zöllner schickten alle Lkw zurück, bei denen der Geigerzähler ausschlug. Die volkseigenen Verkehrsbetriebe in Grenznähe waren für die Reinigung zuständig. In Weimar mussten die vier Mitarbeiter der Waschanlage die Lkw von oben bis unten säubern. Wenn die Schlange zu lang wurde, halfen zusätzliche Mitarbeiter wie Rainer Förster. Mit Wasserschlauch und Schrubber rückten sie dem gefährlichen Schmutz zu Leibe, aber ohne Schutzausrüstung. „Erst nach drei Tagen kam ein Geigerzähler“, erinnert sich Förster. „Solange er geknottert hat, wurde gewaschen.“ Wie hoch das Gerät ausgeschlagen hat, weiß Förster heute nicht mehr.

Eine Stunde reinigten die Mitarbeiter jeden Lkw, bis sie keine Strahlung mehr gemessen haben. Der Verkehrsbetrieb erhielt sogar einen Hochdruckreiniger aus dem Westen und Putzmittel. „Auf einmal wurde alles besorgt“, sagt Förster. Sonst wurden die Lastwagen nur mit Wasser abgespritzt.

Die Mitarbeiter hätten nicht gewusst, welcher Gefahr sie ausgesetzt waren. Sie machten sogar Überstunden und arbeiteten am Wochenende. Das wurde gut bezahlt. Es gab Belobigungen und Bockwürste. „Die haben sie mit Geld gelockt“, sagt Förster. Zwei Wochen dauerte das. Danach seien die Lastwagen aus dem Osten frühzeitig zur Reinigung auf Verkehrsbetriebe in der ganzen DDR verteilt worden. (mcj)

Hintergrund II: Die größte Gefahr ist Leukämie

Der Supergau im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl jährt sich am 26. April zum 25. Mal. Wie sah damals die Berichterstattung aus? Wir haben einige Seiten aus der HNA zusammengestellt.

Rainer Förster kann keine Kinder bekommen. Er hat zwei kaputte Hüften. Das Knie schmerzt täglich. Wegen einer ständigen Prostata-Entzündung muss er häufig auf Toilette. Er leidet unter einer chronischen Bronchitis – „dabei habe ich nie viel geraucht“, sagt er. Ständige Magenprobleme und Bluthochdruck gehören noch zu seinen geringeren Beschwerden.Lange hat sich Förster gewundert, warum er so jung so viele gesundheitliche Probleme hat. Bis 1992 hat er viel Alkohol getrunken. Aber auch die Belastung durch den radioaktiven Schmutz, den er 1986 von den Lastwagen gewaschen hat, könnte eine Rolle spielen. „Schon die kleinste Dosis kann eine Tumorerkrankung zur Folge haben“, sagt der Kasseler Radiologe Dr. Ulrich Bernhard. Besonders hoch sei die Gefahr von Leukämie und Schilddrüsenkrebs. Aber es gebe auch viele Menschen, die trotz einer starken Bestrahlung nicht erkranken.

Woher Rainer Försters Erkrankungen rühren, lasse sich nur schwer bestimmen, sagt Bernhard. Ob die Strahlenbelastung von 1986 überhaupt eine Rolle spielt, sei nicht zuletzt durch die möglichen langfristigen Folgen des Alkoholismus fraglich. (mcj)

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