Ihre Liebe kennt kein Geschlecht: Frau lebte 42 Jahre als Mann

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Ungewöhnliches Paar aus Kassel: Jacqueline Pfaff (44, links) lernte ihre Partnerin Monika Neumann vor 19 Jahren kennen. Damals war Jacqueline noch ein Mann und arbeitete mit Vollbart im Logistik- und Transportbereich.

Kassel. Im Januar 2010 erfuhr Monika Neumann, dass es den Mann, den sie seit 19 Jahren liebte, nie gab. Ihr Partner entsprach zwar den biologischen Merkmalen, doch sein Geschlecht fühlte sich für ihn schon als Kind falsch an.

Der Kasseler führte ein Doppelleben: An der Arbeit und in der Beziehung war er Mann, in heimlichen Momenten war Er eine Sie: Jacqueline Pfaff.

Als er vor zwei Jahren fast an einer Identitätskrise zerbrach, stellte er die Frau in ihm seiner Partnerin vor. „Plötzlich war ich lesbisch. Es ist mir egal - ich liebe den Menschen“, sagt Monika Neumann.

Der Kleiderschrank der Mutter hatte für Jacqueline Pfaff (44), die ihren früheren Namen nicht preisgeben möchte, schon im Grundschulalter eine magische Anziehung. „Wenn sie mich in ihren Kleidern erwischte, gab es Ärger.“ Weil die Mutter nicht wahrhaben wollte, dass ihr Sohn anders war als andere Söhne, schenkte sie ihm Spielsachen, die er nicht wollte: Modellautos statt Puppen.

Hilfe

Jaqueline Pfaff hat mit „TS and Friends“ eine Selbsthilfegruppe für Transsexuelle mitgegründet. In die Gruppe, die aktuell zehn Mitglieder aus ganz Nordhessen hat, kommen Menschen vor und nach Geschlechtsangleichungen. Die Gruppe trifft sich alle vier Wochen um 19 Uhr im Bistro Querbeet, Wilhelmshöher Allee 116. Direkt per E-Mail: ts_and_ frieds@live.de Oder über die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen,
Tel. 0561/920055399.

„Irgendwann hörte ich auf, mich zu wehren. Ich spielte ihr den Jungen vor.“ Von Transsexualität oder Transidentität hatte dieser Junge noch keine Ahnung - aber er fühlte sich im falschen Körper gefangen. Auch in der Jugend wahrte er den Schein: Er lernte Maler und Lackierer und arbeitete in der Lagerlogistik. „Ich trug Vollbart und schwitzte an der Arbeit - keiner schöpfte Verdacht.“

Nach der Arbeit schlüpfte der Bärtige in Frauenkleider. Als er mit 26 Jahren Monika kennenlernte, kam er in einen Konflikt. „Ich merkte, dass sie auf Männer steht. Weil ich sie nicht verlieren wollte, erzählte ich ihr nichts von der Frau in mir. Ich verdrängte diesen Teil von mir.“

Immer mal wieder wurde Monika Neumann stutzig: „Er kaufte sich Cremes, zupfte sich die Augenbrauen und rasierte sich am ganzen Körper.“ Immer wenn sie ihren Mann darauf ansprach, spielte dieser sein Verhalten herunter. Weil er zu dem Zeitpunkt als selbstständiger Dozent deutschlandweit unterwegs war, nutzte er die unbeobachteten Momente. „Ich schlüpfte im Hotelzimmer in Frauenkleider.“

Frauenwäsche im Koffer

Es kam zum Streit, als seine Frau eines Tages in seinem Koffer halterlose Strümpfe fand. „Ich dachte, es seien Trophäen von einer Affäre.“ Als der Streit eskalierte, zog er aus.

„Ich fühlte mich in die Ecke gedrängt, weil Monika immer wieder nachfragte, was mit mir los sei.“ In der eigenen Wohnung fand Er zu sich selbst und entschloss sich endgültig, eine Sie zu sein. Ein letztes Mal fuhr er als Mann zu Monika, um sich zu offenbaren. „Ich zeigte ihr Fotos von mir als Frau. Ich dachte, sie würde sagen, mit so etwas will ich nichts zu tun haben.“

Doch die Partnerin reagierte gefasst. „Sie fragte mich: Deshalb bist du ausgezogen?“ Anders war die Reaktion, als er sich im Job offenbarte. Die Aufträge blieben aus.

Langsam findet sich Jacqueline Pfaff in ihrem neuen Leben zurecht: Sie hat gerade ihren Namen und den Personenstand bei den Behörden ändern lassen. Auch beruflich orientiert sie sich neu und macht eine Ausbildung in der Altenpflege.

Nächstes Ziel ist die Geschlechtsangleichung.

Von Bastian Ludwig

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