Bestatter bieten neue Angebote

Trauerkultur ändert sich: Viele wollen abends Abschied nehmen

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Bieten einen Trauerraum mit 20 Sitzplätzen an der Wilhelmshöher Allee an: Die beiden Bestattungsunternehmer Marco Jandke und Stephan Grosch.

Die Menschen setzen sich wieder verstärkt mit dem Tod und der Trauer auseinander, sagt Dr. Dirk Pörschmann, Leiter des Museums für Sepulkralkultur. Darauf reagieren auch Kassels Bestattungsunternehmer mit neuen Angeboten.

Die Bestatter Marco Jandke und Stephan Grosch haben im Herbst 2018 ihr Unternehmen an der Wilhelmshöher Allee eröffnet. Hier gibt es auch eine Trauerhalle mit 20 Sitzplätzen. Dieser Raum werde mittlerweile nicht nur für das Abschiednehmen am offenen Sarg genutzt, sondern auch für Trauerfeiern, sagen die Bestatter. „Wir können das Rad der Bestattung nicht neu erfinden, allerdings können wir unseren Kunden einen besseren Service bieten“, sagt Jandke. 

Der Wunsch sei bei vielen Menschen vorhanden, dass Trauerfeiern erst am späten Nachmittag oder Abend stattfinden, damit auch Berufstätige oder Verwandte, die weiter weg leben, daran teilnehmen können. „Der Trend geht dahin, abends Abschied am Sarg zu nehmen“, sagt auch Bestatter Dominik Kracheletz, der Vorsitzender des Bestatterverbands Hessen ist. Das ist auf den städtischen Friedhöfen in Kassel allerdings nicht möglich. Hier beginnen Erdbestattungen spätestens um 14 Uhr und Urnenbestattungen spätestens um 15 Uhr, sagt Jürgen Rehs, Chef der Friedhofsverwaltung. „Wir können uns das eigentlich nicht mehr erlauben, müssten flexibler reagieren.“ Im öffentlichen Dienst sei es aber schwierig, Mitarbeiter davon zu überzeugen, nach der Regelarbeitszeit, also später als 15.30 Uhr, zu arbeiten, so Rehs. Samstags können ebenfalls Trauerfeieren zu einem Aufpreis von 100 Euro stattfinden. „Das wird sehr gut angenommen“, so Rehs.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, wo es eine Omnipräsenz des Todes gegeben hat, hätten viele Menschen verständlicherweise eine Scheu entwickelt, sich mit dem Tod zu beschäftigen, sagt Pörschmann. Hier gebe es wieder eine Gegenentwicklung. Viele Initiativen, die 1968er-Generation, aber auch Menschen zwischen 20 und 30 beschäftigten sich wieder verstärkt mit der Thematik. „Das Bewusstsein kommt zurück, dass Rituale eine psychosoziale Funktion haben“, sagt Pörschmann. Nicht gelebte Trauer mache die Hinterbliebenen krank. „Trauer braucht Raum, Zeit und einen Ort, einen Abschiedsraum.“ Mittlerweile hätten auch viele Bestatter erkannt, wie wichtig es sei, den Angehörigen solch einen Raum zu bieten.

Trauerfeier auch nach 17 Uhr

Seitdem Marco Jandke und Stephan Grosch im Oktober 2018 mit ihrem Bestattungsunternehmen an die Wilhelmshöher Allee gezogen sind, bieten sie ihren Kunden auch einen Trauersaal an. In dem neutral gestalteten Raum, der auf religiöse Symbole verzichtet und für alle Ethnien geeignet sei, stehen 20 Sitzplätze zur Verfügung.

Die beiden Unternehmer vermieten ihn ab 300 Euro, auch in den Abendstunden. Die Kosten richteten sich nach der Dekoration, die die Angehörigen für die Trauerfeier wünschten, sagt Grosch.

Seit Oktober hätten hier schon etwa 25 Trauerfeiern stattgefunden, sagt Jandke. Der Raum werde vorwiegend von Trauergesellschaften genutzt, die anschließend die Urne im Ruheforst beisetzten.

Der Raum werde aber auch gern von Angehörigen gebucht, die am offenen Sarg Abschied nehmen wollten. Besonders Menschen, die ursprünglich aus Russland oder Polen stammen, nutzten den Abschiedsraum sehr gern. Bei diesen Familien werde sehr viel Wert auf die Abschiedsnahme am offenen Sarg gelegt. Die beiden Bestatter haben eine Kühlung angeschafft, auf die der Sarg gestellt werden kann. Er wird von unten gekühlt.

Auf dem Hauptfriedhof gibt es auch einen Abschiedsraum, wo die Angehörigen den Sarg öffnen lassen können. „Dieser Raum ist sehr intim gehalten“, sagt Dr. Dirk Pörschmann, Leiter des Museums für Sepulkralkultur. Für Kulturen, in denen ein offener Sarg sehr wichtig ist, sei er allerdings viel zu klein. Als positives Beispiel für einen Abschiedsraum nennt er den Abschiedsraum im Heilhaus in Rothenditmold.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Den Verstorbenen noch einmal zu sehen oder zu berühren, sei wichtig, um zu begreifen, dass er tot ist. Im 19. Jahrhundert sei es üblich gewesen, dass die Angehörigen ihre Toten selbst waschen. „Spüre seine Kälte“, rät Pörschmann. Die Hospizbewegung in den 1980er-Jahren habe dazu beigetragen, dass wieder ins Bewusstsein kommt, wie wichtig Rituale beim Abschiednehmen sind.

Das Berühren der Toten sei eine Kulturtechnik, die es auch im Tierreich gebe, zum Beispiel bei Elefanten, Menschenaffen und Katzen. Erst wenn diese Tiere die verstorbenen Artgenossen einige Male berührt hätten, realisierten sie, dass sie tot sind.

Pörschmann plädiert auch dafür, dass Trauerfeiern später als 15 Uhr auf Friedhöfen stattfinden können. „Die Menschen leben nicht mehr wie früher alle am selben Ort. Es gibt Angehörige aus allen Bundesländern, die Abschied nehmen wollen.“

Der zeitliche Rahmen einer Trauerfeier müsse so gesetzt werden, dass auch Neffe und Cousin aus München anreisen könnten. Pörschmann weiß allerdings, dass solche eine Ausweitung finanzielle Konsequenzen hätte. Für die zusätzlichen Personalkosten müsse jemand aufkommen.

Dafür müsse ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs geführt werden. Zum Beispiel darüber, warum ein Grab, auf das jeder Mensch Anrecht habe, Geld kostet. Man müsse sich die Frage stellen, ob es nicht die Aufgabe des Staates ist, einen Friedhof mit öffentlichen Geld zu finanzieren. Schließlich würden Oper, Theater, Museen, Spielplätze, Parks und Turnhallen auch subventioniert. Um solche Fragen beantworten zu können, müsse sich aber jeder auch damit auseinandersetzten, dass „wir alle sterben“.

So teuer sind Bestattungen

Unabhängig von Bewirtschaftungskosten verschiedener Ruhestätten: Entscheidend sind nach dem Verlust einer geliebten Person vor allem die unmittelbaren Kosten für die Angehörigen. Ein deutscher Versicherungskonzern gibt folgende Durchschnittskosten für die verschiedenen Bestattungsformen an (enthalten sind Bestatterleistungen, Fremdleistungen und Friedhofsgebühren, keine Folgekosten):

  • Erdbestattung – Einfach: 4900 Euro; Standard: 9600 Euro; Gehoben: 15.600 Euro
  • Feuerbestattung – Einfach: 3400 Euro; Standard: 5300 Euro; Gehoben: 7700 Euro
  • Baumbestattung – Einfach: 1990 Euro; Standard: 3270 Euro; Gehoben: 4600 Euro
  • Seebestattung – Einfach: 2300 Euro; Standard: 4200 Euro; Gehoben: 6700 Euro

Fazit: Zwar können Preise stark variieren, jedoch sind Erdbestattungen am teuersten und Baumbestattungen am günstigsten.

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