Endgültiges Aus

Tschüss, Max Bahr! Baumarktkette schließt in Kassel, Vellmar und Baunatal

Kassel. Das endgültige Aus für die Baumarktkette Max Bahr, einem Tochter-Unternehmen des insolventen Praktikerkonzerns, kam Ende November. Bis dahin hatten sie noch auf eine Lösung gehofft. Vergeblich. Seitdem lief der Abverkauf. Am Dienstag gab es nur noch Restposten.

Die Kasse piepst, als die Ware über den Scanner gezogen wird. 23,03 Euro steht auf dem Display. Wolfram Thiele zahlt. Einlegeböden für einen Schrank hat er gekauft. Es ist 11.53 Uhr in der Max Bahr-Filiale an der Heiligenröder Straße. Der 45-jährige Thiele ist der letzte Kunde – der allerletzte. Am Dienstag schloss der Markt für immer. Mit ihm zwei weitere in Vellmar und Baunatal, sowie Dutzende Märkte deutschlandweit.

Marktleiter Jürgen Augustin versammelt danach die Angestellten. „So, liebe Mitarbeiter“, beginnt er den Satz. Bevor er ihn beenden kann, brechen die meisten in Tränen aus. „Eigentlich wollten wir nicht mehr weinen“, sagt eine Mitarbeiterin und zieht ein Papiertaschentuch aus einer Box.

Das sagt der letzte Kunde:

Wolfram Thiele besuchte am Dienstag als letzter Kunde die Max Bahr-Filiale der Baumarktkette an der Heiligenröder Straße (fotografieren ließ er sich leider nicht). Das endgültige Aus für Max Bahr ist der letzte Akt der Insolvenz des einstigen Praktiker-Konzerns, der im Juli zahlungsunfähig wurde. „Mir tut das im Herzen weh“, sagt der 45-Jährige, der ein Bauunternehmen in Kassel betreibt. Er könne nicht verstehen, dass es zur Schließung komme. „Es ist schade für die Mitarbeiter, ich kenne einige persönlich.“ Neben Einlegeböden hat er noch ein Regal selbst abgebaut und mitgenommen. Am Ende blieben die Menschen, also die Mitarbeiter auf der Strecke. „Wenn man es nicht versteht, dann ist es Politik“, sagt er.

Das sagt der Ex-Marktleiter

Karl Görnhardt arbeitete seit 1974 für Max Bahr. Seit 1976 auch als Filialleiter. „Ich war dabei, als in dem Gebäude an der Heiligenröder Straße die Regale aufgebaut wurden.“ Das war 1988, nach einem Umzug von dem Gebäude, in dem heute Bikemax ansässig ist. Der Zusammenhalt sei immer gut gewesen, sagt der 80-jährige Rentner. Für die Mitarbeiter sei es nun eine schwierige Situation, sagt er. „Mit unserem Team konnte man Pferde stehlen.“ Für seinen 81. Geburtstag plant er deshalb, alle Mitarbeiter zu einem Fest einzuladen.

Das endgültige Aus für die Baumarktkette, ein Tochter-Unternehmen des insolventen Praktiker-Konzerns, kam Ende November. Bis dahin hatten sie noch auf eine Lösung gehofft. Vergeblich. Seitdem lief der Ausverkauf. Am Dienstag gab es nur noch Restposten. „Wir hätten uns das nie träumen lassen“, sagt Augustin. Der langjährige Marktleiter Karl Görnhardt (80) lief vor der endgültigen Schließung gedankenverloren durch die Regalgerippe. „Ich muss mich zusammennehmen, dass ich nicht weine“, sagt er. Seit 1976 war er Marktleiter bei Max Bahr. Erst in dem Laden, in dem heute Bikemax Räder verkauft. Bis 2002 dann im Standort an der Heiligenröder Straße.

„Wir waren wie eine Familie“, sagt Augustin, der noch bis Freitag die Filiale leitet. Bis dahin wird die 10 000 Quadratmeter große Fläche aufgeräumt und besenrein übergeben.

Am Dienstag waren noch einige Kunden im Laden auf der Suche nach Schnäppchen. Auch am Telefon: „Hier fragt ein Kunde nach Spiegeln“, sagte eine der Mitarbeiterinnen. „Nein, wir haben keine mehr, wir schließen in zehn Minuten für immer“, sagt sie zu dem Anrufer.

Wie es für ihn und seine Kollegen weitergeht, weiß Jürgen Augustin nicht. Bis November arbeiteten 140 Menschen für Max Bahr an den drei Standorten in Kassel. Einige haben neue Anstellungen gefunden. Viele suchen noch. So wie Petra Nöth. Sie arbeitet seit 23 Jahren in dem Markt. „Wir sind noch ganz gut drauf“, sagt sie eine Stunde bevor um 12 Uhr der Laden geschlossen wurde. Der Tiefpunkt komme erst später.

Doch dann kommt er schneller als gedacht. Die 45-Jährige bricht in Tränen aus, als sie sich mit Doris Stagel für ein Foto mit einem Plakat aufstellen will. Darauf steht: Diese Kasse wird gleich für immer geschlossen.

Die 54-jährige Doris Stagel hat wie Petra Nöth noch keine neue Stelle. Für sie geht es wie für viele andere in eine Transfergesellschaft, die das Gehalt zu 80 Prozent weiterzahlt. „Klar fehlt jetzt das Geld, ich war ja Zuverdiener“, sagt sie. Sie hat zwei erwachsene und zwei minderjährige Kinder.

Um kurz nach zwölf gehen die Mitarbeiter wieder zur Arbeit über. Sie räumen auf. Dann piepst die Kasse doch noch mal. Der Restpostenkäufer kommt.

Von Max Holscher 

Rubriklistenbild: © Bröker

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