Trendsetter für Kasseler Köpfe

Winfried Kaske ist ein Jahr nach seinem Zwillingsbruder Hermann gestorben

Winfried Kaske (links) starb jetzt - fast auf den Tag genau - ein Jahr nach seinem Bruder Hermann.
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Eng verbunden: Winfried Kaske (links) starb jetzt - fast auf den Tag genau - ein Jahr nach seinem Bruder Hermann. Sie gehörten nicht nur zu den bekanntesten eineiigen Zwillingen in Kassel, sondern waren auch sehr erfolgreiche Friseure.

Der Kasseler Friseur Winfried Kaske starb kürzlich im Alter von 85 Jahren. Ein Jahr zuvor war sein Zwillingsbrüder Hermann gestorben.

Kassel – Weihnachten hatte Alexandra Kaske-Diekmann noch die Hoffnung vor Augen. Für beide Eltern, ihre Mutter Jutta und ihren Vater Winfried, gab es schon Impftermine gegen das Coronavirus. „Bald haben wir es geschafft, und können uns alle wieder sehen, habe ich mir gedacht“, sagt Kaske-Diekmann. Doch dann kam alles anders. Winfried Kaske, einer der wohl bekanntesten Friseure Kassels, starb am 12. Januar dieses Jahres im Alter von 85 Jahren.

Winfried Kaske hatte Vorerkrankungen und war seit vier Jahren blind. Seitdem lebte er auch im Awo-Altenheim auf der Marbachshöhe. Dort sei er glücklich und zufrieden gewesen, sagt seine Tochter. Ihr Vater habe die Gabe gehabt, sein Schicksal annehmen zu können. Sein Umfeld habe ihm dabei geholfen. Doch ab dem 7. Januar ging es ihm dann plötzlich schlechter.

Der 7. Januar, das war der erste Todestag seines Bruders Hermann. Die beiden waren eineiige Zwillingen. Selbst als sie erwachsen waren, konnten viele Menschen Winfried und Hermann Kaske nicht unterscheiden.

Als sein Bruder Hermann vor einem Jahr gestorben ist, sei das für ihren Vater Winfried ganz schlimm gewesen, sagt Alexandra Kaske-Diekmann. „Der hätte mich doch mitnehmen müssen, hat er gesagt. Es war schwer, zu verstehen, dass man zwar gemeinsam kommt, aber nicht gemeinsam geht.“

Das Modell und der Meister: Jutta und Winfried Kaske bei einem Frisurenwettbewerb in den 1960er-Jahren.

Dass beide Zwillingsbrüder in das Friseurgeschäft ihrer Eltern einsteigen, sei ursprünglich gar nicht geplant gewesen, sagt Kaske-Diekmann. Nachdem beide die Mittlere Reife hatten, sollte einer das Abitur machen und der andere in den Betrieb gehen. Zunächst wollten beide Brüder weiter die Schule besuchen. Deshalb warf der Vater der Zwillinge eine Münze. Winfried verlor und begann seine Ausbildung zum Friseur. Das habe ihrem Vater aber von Anfang an sehr viel Spaß gemacht, was man alles so aus Haaren machen kann. Zudem mochte er die Menschen mit ihren unterschiedlichen Charakteren, die in den Laden kamen und die Gespräche. Sein Bruder Hermann, der den Münzwurf gewonnen hatte, fand an dem Handwerk auch Gefallen: Er brach die höhere Schule ab und ging ebenfalls in den elterlichen Betrieb. Nach dem Tod des Vaters 1979 teilten die Brüder das Geschäft auf: Winfried übernahm die Salons in Wilhelmshöhe und in der Opernstraße, sein Bruder am Scheidemannplatz und in der Wilhelmsstraße.

1956 hatte Winfried seine spätere Frau Jutta kennengelernt. Bis Mitte der 1960er-Jahre reisten die beiden an den Wochenenden durch Europa und nahmen an Frisur-Wettbewerben teil. Jutta war das Modell, das von Winfried die schönsten Phantasie- und Galafrisuren auf den Kopf gezaubert bekam. Oft hat Winfried den ersten Platz gemacht. Ihr Vater sei aber auch durch seine Fairness aufgefallen. Den Konkurrenten aus Osteuropa habe er zu den Wettbewerben oft Farbe und anderes Material mitgebracht, sodass alle dieselben Voraussetzungen hatten. Jutta Kaske stieg ebenfalls in das Geschäft ein. Zudem bekam das Paar zwei Töchter, Alexandra und Tatjana.

Kreativ: Diese Schwanenperücke kreierte Winfried Kaske anlässlich der documenta 9 (1992).

Winfried und Hermann Kaske fuhren in den 1960er-Jahren auch nach England, um sich dort die neusten Trends anzuschauen. So brachten sie geradlinige und geometrische Haarschnitte wie den Bob mit nach Kassel. „Es gab viele Frauen, die froh waren, dass die Lockenwickler jetzt in der Schublade bleiben konnten“, erzählt Kaske-Diekmann.

Die Kreativität von Winfried Kaske zeigte sich nicht nur im Friseursalon: Er hat leidenschaftlich gern gekocht und in der Küche experimentiert. „Wenn wir keine Lust mehr auf Frisuren haben, dann eröffnen wir ein Restaurant“, hat er manchmal gesagt. Tennis und Skifahren waren ebenfalls seine Hobbys. Und die Kunst. Besonders die documenta-Ausstellungen haben Winfried und seinen Bruder Hermann begeistert. Zur documenta 9, als es das Logo mit den Schwänen gab, da kreierte Winfried eine Schwanenperücke, die auf dem Friedrichsplatz präsentiert wurde. Ein unvergessliches Meisterwerk für Kassel. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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