Volkswirtschaftler untersucht, warum Alkohol am liebsten in geselliger Runde konsumiert wird

Untersuchung: Trinken schafft Vertrauen

Am liebsten in Gesellschaft: Anlässe fürs gemeinsame Trinken gibt es reichlich – wie hier bei der Eröffnung des Oktoberfests 2011 in München. Fotos:  dpa, Schaffner

Kassel. Ein Gläschen Wein mit Freunden, das Feierabendbier unter Arbeitskollegen, Sekt nach erfolgreichem Geschäftsabschluss – dass Menschen am liebsten in Gesellschaft Alkohol konsumieren, ist bekannt. Unbekannt ist hingegen bislang, warum.

Professor Björn Frank, Direktor des Instituts für Volkswirtschaftslehre der Universität Kassel, hat diese Frage mit zwei Düsseldorfer Forschern wissenschaftlich untersucht und eine Antwort mithilfe verschiedener Statistiken gefunden: Gemeinsames Trinken schafft gegenseitiges Vertrauen. „Eigentlich ist es doch paradox, sich in Gesellschaft zu berauschen“, sagt der 47-Jährige, der seit 2008 am Holländischen Platz lehrt und forscht. Schließlich setze man sich der Gefahr aus, unter Beobachtung die Kontrolle über sich zu verlieren.

Promille als Schmiermittel

Doch genau hier setzte Frank mit seinen Kollegen an. Die Volkswirtschaftler stellten in ihrer Arbeit „In vino veritas“ (im Wein liegt die Wahrheit) die These auf, dass gemeinsamer Alkoholkonsum ein Schmiermittel für wirtschaftliche Beziehungen jeglicher Art sei. Speziell in Branchen mit kurzfristigen Projekten.

Björn Frank

„Zum Beispiel beim Film, wo die Teams für jedes Projekt neu zusammengesetzt werden, wird relativ viel getrunken“, sagt Frank. Das habe auch einen Grund: „Beim gemeinsamen Trinken lassen viele ihre Maske fallen.“ Schnell sei dann klar, wer zu den kooperativen und produktiven Typen zähle, und wer sich auch beim Dreh engagieren werde.

Allerdings, betont Frank, gelte das nur für moderaten Alkoholkonsum. „Wer zu viel trinkt, und sich anschließend an nichts mehr erinnern kann, macht das gewonnene Vertrauen wieder zunichte.“

Um ihre These wissenschaftlich belegen zu können, haben die Ökonomen statistische Daten des World Value Survey und der Weltgesundheitsorganisation für 26 Länder ausgewertet und daraus einen Index ermittelt. Er basiert auf dem Vertrauen in die jeweiligen Landsleute und auf den Trinkgewohnheiten. „Wir haben zudem schwere Trinker mithilfe von Leberzirrhosewerten sowie Abstinenzler herausgerechnet, um nur die moderaten Trinker zu erfassen“, sagt Frank.

Japaner mit Disziplin

Ergebnis: In fast allen Ländern hängt gegenseitiges Vertrauen mit moderatem Alkoholkonsum zusammen. „Einzig Japan und Frankreich weichen etwas ab“, sagt Frank. Japaner trinken selten Alkohol, halten ihre Landsleute aber für vertrauenswürdig. In Frankreich ist es genau umgekehrt. Für Deutschland konnten die Forscher übrigens keinen Index ermitteln, da hierzulande vergleichbare Leberzirrhosewerte fehlen.

„Unser Index ist zwar nichts Politikrelevantes, aber zumindest haben wir jetzt eine Erklärung für ein Phänomen, für das es vorher keine Erklärung gab“, sagt Frank.

Allerdings, räumt er ein, sei das „soziale Trinken“ nicht der einzige Weg zur Vertrauensbildung. Er muss es wissen. Professor Frank trinkt nämlich keinen Alkohol.

Von Sebastian Schaffner

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