Trinkraum wird gut angenommen - Container nicht winterfest

Entspannte Atmosphäre: Jarno Ackermann (Zweiter von links) und seine Frau Bärbel (rechts) mit Besuchern des Trinkraums auf dem Feuerwehr-Parkplatz hinter der Hauptpost. Foto: Rudolph

Kassel. Vor knapp drei Monaten hat die Stadt den Trinkraum eröffnet. Der betreute Treffpunkt für alkoholkranke Menschen ist zunächst in einem Container zwischen Hauptpost und Feuerwehr an der Wolfhager Straße eingerichtet worden. Wir haben uns vor Ort angesehen, wie das Angebot läuft.

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Etwa 15 Männer und Frauen sitzen am späten Nachmittag auf dem Platz vor dem Trinkraum-Container. Sie trinken Bier und unterhalten sich, einige rauchen oder spielen Karten. Die Stimmung ist ruhig und friedlich. In der Herbstsonne erinnert sie fast an einen Biergarten. Ab und zu holt sich jemand von drinnen eine Portion Ravioli für 70 Cent oder einen Kaffee für 40 Cent. Alkohol gibt es nicht zu kaufen. Mitgebrachte Getränke dürfen konsumiert werden, solange es nicht Hochprozentiges ist.

Etwa 80 Leute kämen über den Tag verteilt, sagen Bärbel und Jarno Ackermann von der freien christlichen Drogeninitiative „Szene direkt“, die den Trinkraum im Auftrag der Stadt betreiben. Bei schlechtem Wetter seien es weniger. Montag bis Samstag hat der Trinkraum von 13 bis 19 Uhr geöffnet. Die Bilanz des Ehepaars aus Fuldatal fällt nach knapp drei Monaten durchweg positiv aus.

Der Standort im „Szenedreieck“ zwischen Hauptpost, Lutherplatz und Gießbergstraße sei ideal, sagt Jarno Ackermann (38). Er schätzt, dass die Szene etwa 250 Trinker und Drogenabhängige umfasst. Etwa die 170 davon erreiche man mit dem Angebot. Das Ehepaar von der freien christlichen Drogeninitiative „Szene direkt“ kennt die meisten Trinkraumbesucher mit Namen. Der Umgangston in dem mit Lichterkette, Sofas und Bildern heimelig zurechtgemachten Container ist sehr freundlich. „Machst Du mir noch einen Kaffee?“, fragt ein 47-Jähriger, reicht Jarno Ackermann 50 Cent über die Theke und sagt „Stimmt so“.

Beschwerden wegen Lärm, Müll oder Pöbeleien - meist im Vorfeld angebrachte Bedenken gegen den Trinkraum - gab es bisher nicht. „Wir machen hier ja keine Party“, sagt Ackermann, „für die Leute ist das Alltag.“ Die Stimmung im Trinkraum sei deutlich entspannter als bei den Treffs auf der Straße, beobachten die Ackermanns, die die Szene schon vorher am Lutherplatz mit ihrem Hilfsangebot aufgesucht hatten. „Da waren die Leute ständig angespannt aus Angst, Polizei oder Ordnungsamt könnten kommen“, sagt Jarno Ackermann.

Abgesehen von kleinen Streitereien, habe es noch keine Probleme gegeben. Illegale Drogen und damit auch Drogengeschäfte seien im Trinkraum tabu. „Da hängt meist die Gewalt mit dran“, sagt der 38-Jährige, der im Hauptberuf Landschaftsgärtner ist. Die Besucher achteten selbst darauf, dass keine Dealer ihr Unwesen treiben und die Trinkraum-Regeln eingehalten werden.

„Wir wollen hier keine Leute, die Stunk machen, und total dicht sind“, sagt eine 48-Jährige. Sie komme gern her, auch weil es eine Toilette gebe. „Hier kann man seine Flasche auch mal auf den Tisch stellen und es gibt ’was Leckeres zu essen“, ergänzt ein 40-Jähriger. Das Wichtigste, betonen viele, seien aber die Kontakte und Gespräche.

Von einem Umzug ins Hansa-Haus halten die meisten nichts. „Das Ordnungsamt ist doch überall in der Stadt hinter uns her, da gehen wir bestimmt nicht zu denen nach nebenan.“

Hintergrund

Hansa-Haus als neuer Standort

Ordnungsdezernent Jürgen Kaiser (SPD) will den Trinkraum künftig im Hansa-Haus an der Kurt-Schumacher-Straße unterbringen. Das teilte er Ende September im Ortsbeirat Wesertor mit, wo er auf massiven Widerstand stieß. Anwohner, umliegende Geschäfte und ein im selben Haus ansässiger Moscheeverein haben 200 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt.

Ob und wann der Trinkraum ins Hansa-Haus umzieht, in dem auch das Ordnungsamt seinen Sitz hat, ist knapp vier Wochen nach der Sitzung unklar. Auf Anfrage hieß es aus dem Rathaus, es gebe „keinen veränderten Sachstand“. Klar ist, dass der Container nicht winterfest ist.

Von Katja Rudolph

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