Trittbrettfahrer: Bayerischer Verlag wirbt für Kassel-Festschrift

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Kassel feiert im kommenden Jahr sein 1100-Jähriges Bestehen - doch das zieht auch Geschäftemacher an, mit denen die Stadt überhaupt nicht zusammenarbeitet. Unser Bild zeigt Prof. Bernard Stein, der im Februar das Logo für die Feierlichkeiten präsentierte.

Kassel. Das Stadtjubiläum zieht offenbar Geschäftemacher weit über die Region hinaus an. Eine Medien-Marketingagentur Bäumer (MMB) aus Bayern wirbt derzeit bei Kasseler Unternehmen für eine Jubiläumsfestschrift zur 1100-Jahr-Feier. Doch die Stadt arbeitet mit der MMB überhaupt nicht zusammen.

Im Anschreiben heißt es, die Chronik entstehe „in Zusammenarbeit mit Politik und Wirtschaft“ und werde kostenlos „über die Stadt, Tourismusbörse, exponierte Unternehmen sowie über die beteiligten Unternehmen“ verteilt. Offenbar soll der Anschein erweckt werden, es handele sich um eine offizielle Publikation zum Stadtjubiläum. Auf dem Angebotsschreiben mit den Anzeigenpreisen ist das blau-weiße Stadtwappen zu sehen. Eine ganzseitige Anzeige kostet 3400 Euro, für Farbdruck werden 40 Prozent Zuschlag fällig.

Weder die Stadt Kassel noch Kassel Marketing arbeiten jedoch mit der Firma zusammen. Es habe schon mehrere Nachfragen von Kasseler Firmen gegeben, denen das Angebot der MMB merkwürdig vorkam, heißt es aus dem Rathaus. Die Stadt hatte bereits im August vor Trittbrettfahrern gewarnt, die mit der 1100-Jahr-Feier Geld verdienen wollten.

Alles zur 1100-Jahre-Jubiläum im Regiowiki.

Offizielle Kooperationsprojekte zum Stadtjubiläum sind laut Stadtsprecher Ingo Happel-Emrich zum einen die dreiteilige Jubiläumszeitung, die zusammen mit der HNA herausgebracht wird. Der erste Teil erscheint am 15. Dezember. In dieser Zeitung konnten Unternehmen auch Anzeigen platzieren. Die zweite offizielle Publikation zum Stadtgeburtstag ist die bereits erschienene Chronik von Jörg Adrian Huber - ein reines Geschichtswerk ohne Werbung.

Eine Handhabe gegen die Veröffentlichungen anderer Unternehmen habe man nicht, sagt Happel-Emrich. „Solange nicht unser Logo verwendet wird, ist es nicht verboten.“

Das weiß offenbar auch Heinz Bäumer von der gleichnamigen Medienagentur in Bayern: „Jeder kann machen, was er will.“ Mit der Stadt habe die Chronik, die man herausbringe, nichts zu tun, räumt er auf Nachfrage ein. Warum ist dann die Rede von einer Verteilung über die Stadt? „Der Verteilung erfolgt nicht direkt über die Stadt“, sagt Bäumer dazu. Was das bedeutet, sagt er nicht. Nur: „Das ist unsere Sache.“ Auch auf die Frage, wer zu den Autoren der Beiträge zu Kassels Stadtgeschichte gehört, weicht Bäumer aus. „Wir kriegen da keine Probleme.“ Den Umfang der Festschrift, die im Februar erscheinen soll, kann er noch nicht präzisieren. Wie viele Anzeigenkunden aus Kassel man bereits geworben habe, will Bäumer ebenfalls nicht sagen.

Unternehmen, die sich unsicher sind, ob es sich bei Werbeangeboten um offizielle Projekte des Stadtjubiläums handelt, können sich beim Büro 1100 der Stadt Kassel melden: Tel. 0561 / 787 20 13.

Stellungnahme von Kassel Marketing

„Das Phänomen, dass zahlreiche Verlage und andere Firmen sich berufen fühlen, Kassel-Bücher und andere Dinge auf den Markt zu bringen, kennen wir normalerweise nur aus documenta-Jahren“, sagt Birgit Kuchenreiter von Kassel Marketing. Alle fünf Jahre zur Weltkunstausstellung würden inflationär Bücher über die Stadt herausgebracht - und alle wollten dann, dass Kassel Marketing die Publikationen auslege. „Wir hätten nicht gedacht, dass es bei der 1100-Jahr-Feier eine ähnliche Sogwelle geben würde.“ Kassel Marketing arbeite in der Regel nur mit bewährten regionalen und anderen renommierten Verlagen (zum Beispiel dem Merian Verlag) zusammen, deren Qualität gesichert sei. Bei unbekannten Anbietern, die Kasseler Unternehmen teure Anzeigen anbieten, rate man zur Vorsicht. (rud)

Von Katja Rudolph

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