Der Aufstieg der Kasseler Grünen

Grüne in Kassel: So wurde aus Ökoprotestlern die stärkste Kraft

Die Stadtverordneten Richard Schramm (von links), Reinhold Weist, Christel Jahn, Rhea Thönges und Ulrich Restat bildeten 1981 die erste Grünen-Fraktion im Kasseler Rathaus. Archiv
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„Wir waren nicht nur optisch ein Kulturbruch“: Die Stadtverordneten Richard Schramm (von links), Reinhold Weist, Christel Jahn, Rhea Thönges und Ulrich Restat bildeten 1981 die erste Grünen-Fraktion im Kasseler Rathaus.

40 Jahre nach ihrem ersten Einzug ins Stadtparlament werden die Grünen wohl stärkste Kraft in Kassel. Das überrascht selbst manches Gründungsmitglied.

Kassel – Am Morgen nach dem größten Triumph seiner langen politischen Karriere konnte Richard Schramm nicht glauben, was passiert war. „Mit so einem Ergebnis habe ich nicht gerechnet“, sagte der Grünen-Stadtrat gestern über die 27,8 Prozent, die seine Partei laut Trend bei der Kommunalwahl eingefahren haben und die sie wohl erstmals zur stärksten Kraft in Kassel machen.

Der 69-Jährige ist Grüner, seitdem es die Grünen gibt. 1981 zog er erstmals in das Stadtparlament ein. Er erinnert sich noch an die CDU-Politiker damals im Rathaus, die erstaunt fragten, was die Neuen denn für Leute seien. Der bärtige Schramm stand in seinem Pulli neben einen Christdemokraten mit Anzug und Schlips und sagte: „Ich bin so einer.“

30 Jahre später ist Schramm immer noch Stadtverordneter. Zuletzt war er ehrenamtliches Mitglied im Magistrat. Er kandidierte auf Listenplatz 20. Genau so viele Sitze könnten die Grünen nun bekommen. „Das hätte ich mir damals nie zu träumen gewagt“, sagt Schramm.

Dass aus den einstigen Ökoprotestlern in Kassel „so etwas wie eine Volkspartei“ geworden ist, wie es Schramm formuliert, liegt auch an Menschen wie ihm. Während sich etwa die südhessischen Grünen in Lagerkämpfen zwischen Realos und Fundis aufrieben, gaben in Kassel schon immer die Pragmatiker den Ton an.

Gleich nach dem Einzug 1981 gingen die fünf Grünen-Stadtverordneten ein Bündnis mit der SPD ein, die ihre absolute Mehrheit verloren hatte. Das gab es damals in keiner anderen deutschen Stadt. Die Grüne Rhea Thönges überreichte dem damaligen Oberbürgermeister Hans Eichel einen grünen Kaktus mit roter Blüte. Was für ein Symbolbild. 2003 bis 2005, lange bevor Schwarz-Grün in der Politik salonfähig wurde, kooperierte die Öko-Partei dann auch mit der CDU.

So etwas war 1981 noch unvorstellbar, wie Reinhold Weist sagt. Der 67-Jährige war für die Grünen Stadtverordneter, Landtagsabgeordneter und Referent des SPD-Oberbürgermeisters Bertram Hilgen. Über die Anfänge sagt er heute: „Wir waren nicht nur optisch ein Kulturbruch, sondern auch inhaltlich zukunftsweisend. Wenn wir von Radwegen sprachen, haben einen die anderen ganz komisch angeguckt.“ Heute will selbst die FDP Rad-Highways bauen – und zwar in der Luft.

Anders als sein damaliger Mitstreiter Schramm war der Polit-Profi Weist nicht überrascht vom Triumph am Sonntag: „Die Entwicklung war insgesamt sehr günstig. Es roch danach.“ Fragt man ihn, mit wem seine Nachfolger nun koalieren sollten, antwortet er diplomatisch: „Ich gebe ihnen nur Ratschläge, wenn ich gefragt werden, aber nicht öffentlich.“

Diesen Stil hat er sich vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner abgeschaut. Zur Erinnerung: „Das war der Sozialdemokrat, der die Grünen einst mit der Dachlatte verhauen wollte.

Vergangene Zeiten – und heute so unvorstellbar wie ein aussichtsloser Grünen-Oberbürgermeisterkandidat. 2005 war das noch anders. Als Husarenritt bezeichnet Helga Weber ihre damalige Herausforderung. Sie erreichte als erste Grünen-Kandidatin 11,32 Prozent, sorgte aber dafür, dass es zur Stichwahl zwischen Amtsinhaber Georg Lewandowski (CDU) und Bertram Hilgen (SPD) kam. Hilgen gewann schließlich.

Wenn Helga Weber zurückblickt, dann auch darauf: dass andere die grünen Themen später ebenfalls aufgriffen – so wie Hilgen. „Bei seiner ersten Neujahrsansprache redete er auch über Erneuerbare Energien. Das war mein Thema im Wahlkampf.“ Überhaupt: Wenn Weber über die vergangenen Zeiten spricht, dann entsteht der Eindruck, die Grünen seien der Zeit voraus und ernten jetzt den Erfolg ihrer Weitsicht. Helga Weber, mittlerweile 72 Jahre alt, kann das selbst nicht so recht glauben. Sie überrascht das Resultat, sagt: „Das macht demütig. Es ist ein großer Auftrag.“

Die Standhaftigkeit ihrer Partei macht auch Anne Janz stolz. Auch sie hat die frühen Jahre der Grünen in Kassel miterlebt, gewisserweise ist sie mit ihrer Partei gewachsen. Wer Mitte der 80er-Jahre zu den Kasseler Grünen kam, betrat nicht gerade das Sprungbrett zur Karriereleiter. Janz gelangen trotzdem die Schritte nach oben. Sie wurde Dezernentin in Kassel und ist heute Staatssekretärin Wiesbaden.

Sie hat die Zeiten hinter sich gelassen, in denen sich die Grünen als Oppositionspartei definierten. „Opposition ist einfach“, sagt Janz. „Da kommt man morgens ins Büro und schreibt eine Pressemitteilung. Aber es ist viel spannender, etwas zu gestalten und umzusetzen.“ Bei ihr klingt Regierung wie ein kleines Abenteuer. Da schwingt noch ein bisschen der Geist von früher mit (Florian Hagemann und Matthias Lohr)

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