Pflegeaufwand nimmt zu

Schäden durch Trockenheit: 12.000 Bäume in Kassel sind krank

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Die Spitzen sind vertrocknet: Diese Dreigruppe Baumhasel steht auf dem Friedrichsplatz und hat ebenso wie viele andere Stadtbäume unter der Trockenheit des vergangenen Sommers gelitten.

Viele Platanen sind angeschlagen, die Dreiergruppe Baumhasel vor dem Fridericianum und auch zahlreiche Buchen. 12.000 Bäume in Kassel sind krank und benötigen intensive Pflege.

„Wir verzeichnen einen sprunghaften Anstieg kranker Bäume“, sagt Jörg Gerhold vom städtischen Umwelt- und Gartenamt. Das sei ganz klar eine Folge der extremen Hitze und Trockenheit im vergangenen Jahr.

Die 86.000 Bäume auf städtischen Grundstücken und Parkanlagen werden regelmäßig von Baumkontrolleuren unter die Lupe genommen. Die aktuellen Zahlen sind erschreckend. In früheren Jahren gab es im Schnitt um die 8000 Rückmeldungen. Mal musste Todholz herausgeschnitten, mal die Krone gestutzt und manchmal der ganze Baum gefällt werden. Die Zahl dieser Eingriffe ist zuletzt auf 12.000 gestiegen – und ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht absehbar.

„Noch einen so trockenen Sommer werden viele Bäume nicht verkraften“, sagt Gerhold. Schon jetzt sei der Aufwand für die Pflege stark gestiegen. Gerade die jungen Bäume, die zum Beispiel an der Wilhelmshöher Allee, der Friedrich-Ebert-Straße und der Königsstraße gepflanzt wurden, brauchen noch eine regelmäßige Bewässerung.

Eigentlich sollten auch viele ältere Bäume jetzt im Mai kräftig austreiben. Ihnen fehlt nach Einschätzung der Fachleute aber die Vitalität. Dadurch sind sie anfälliger zum Beispiel für Pilzerkrankungen. Trockene Bäume seien zudem weniger biegsam. Ihre Äste und teilweise auch der Stamm brechen bei Stürmen leichter.

Ähnlich sind die Probleme auch im Wald. „Man sieht an vielen Stellen zwischen dem Grün braune Flecken“, sagt Theodor Arend, der stellvertretende Leiter des für Kassel zuständigen Forstamtes Wolfhagen. Das seien oft abgestorbene Fichten, die man schnell aus dem Wald herausholen müsse. „Wir wollen den Borkenkäfern so wenig Nahrung wie möglich geben“, sagt er. Auch der Förster hofft darauf, dass es noch viel mehr regnet.

2018 war extrem trocken und warm

Im vergangenen Jahr verzeichnete der Deutsche Wetterdienst 70 Sommertage für Kassel mit Temperaturen über 30 Grad Celsius. Das sind doppelt so viele wie sonst üblich. 2018 war zudem das wärmste Jahre seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen. Gleichzeitig litt die Natur unter großer Trockenheit. In Kassel fielen 2018 nur 453 Liter Regen, normal sind 756 Liter. Auch der April 2019 war zu trocken und zu warm. Die Waldbrandgefahr nahm zu.

Abgestorbene Äste und Pilzbefall

Trotz aller Hiobsbotschaften über kranke Bäume gibt es auch positive Entwicklungen. So ist die Zahl der Stadtbäume zuletzt durch Neupflanzungen kontinuierlich angewachsen. Vor drei Jahren waren es noch 82 700 Bäume auf städtischen Flächen, mittlerweile sind es 86.000. Die werden in der Regel einmal pro Jahr auf Schäden begutachtet. Es gibt aber Ausnahmen und besondere Entwicklungen.

Anfällige Platanen: Es gibt circa 700 Platanen in der Stadt, die anfällig für die sogenannte Massaria-Krankheit sind. Für Laien ist die kaum zu erkennen, denn der Baum wirkt grün und gesund. Trotzdem kann sich auch auf dickeren Ästen ein Pilz ansiedeln, der gefährlich ist. Der greift den Ast von oben an, bis er plötzlich abbricht. „Deshalb schauen sich unsere Baumkontrolleure Platanen alle sechs Monate an“, sagt Jörg Gerhold, der beim städtischen Umwelt- und Gartenamt die Abteilung Grünflächen leitet.

Stress an der Straße: Besonders schwer haben es die rund 25 000 Straßenbäume im Stadtgebiet. „Von den alten Kastanien an der Querallee bis zu einigen Beuys-Bäumen gibt es Probleme“, sagt Jörg Gerhold. Die Bäume hätten im Wurzelbereich sehr wenig Platz. Bei Neuanpflanzungen achte man darauf, dass sich die Rahmenbedingungen verbessern. Unter anderem an der Friedrich-Ebert-Straße habe man unter der Straße und dem Gehweg mehr Erde für die Wurzeln gelassen. In der Innenstadt sei es ähnlich. Die neuen Bäume, die am Friedrichsplatz gepflanzt werden, sollen auch durch eine automatische Bewässerung bessere Lebensbedingungen haben als ihre Vorgänger.

Längere Betreuung: Die Sommer werden heißer und trockener. Diese Entwicklung hat sich besonders 2018 drastisch zugespitzt. Für die jungen Bäume bedeutet das, dass sie länger und intensiver gepflegt werden müssen. „Früher haben wir sie drei Jahre lang regelmäßig gegossen, mittlerweile ist das mindestens fünf Jahre lang nötig“, sagt Jörg Gerhold. Tendenz steigend.

Neue Baumarten: Insbesondere am Straßenrand, wo die Bedingungen besonders hart sind, werden zunehmend neue Baumarten gepflanzt. Dazu gehören klimaresistente Linden, Steineichen und Blaseneschen, die sonst eher in südlichen Ländern beheimatet sind.

Auch der Wald leidet: Die Trockenheit belastet auch die heimischen Wälder. Da leiden nicht nur die Fichten mit ihren flachen Wurzeln. Sichtlich angegriffen sind auch Buchen. Die geschwächten Bäume werden anfällig für den Buchenborkenkäfer sowie für eine Lausart, die Buchen befällt. „Die Buchen sondern dann eine bräunliche Flüssigkeit ab“, sagt Förster Theo Arend. Das sei ein schlechtes Zeichen, das häufiger zu sehen ist. Was der Wald und die Stadtbäume brauchen: viel Regen.

Von Thomas Siemon

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