Trotz Freispruch im Gefängnis: 21-jähriger Kasseler bleibt in Haft

Kassel. Vom Vorwurf der versuchten Vergewaltigung wird der junge Mann freigesprochen. Auch vom Vorwurf der Körperverletzung. Doch muss er im Gefängnis bleiben: Wegen versuchten Menschenhandels zum Zweck sexueller Ausbeutung spricht ihn die Jugendstrafkammer schuldig, ebenso wegen versuchter Anstiftung zur Falschaussage.

Ein Jahr und neun Monate Jugendstrafe werden verhängt. Der Haftbefehl bleibt aufrechterhalten. Seit Monaten sitzt der 21-jährige Kasseler in U-Haft, nachdem er im Februar während einer Verhandlung im Zuschauerraum des Amtsgerichts festgenommen worden war. Seine Schwester bricht in Tränen aus, als das Urteil verkündet ist. Nicht mehr im Saal ist die Nebenklägerin. Schon das Plädoyer des Verteidigers hatte die 18-Jährige nicht gehört - also nicht, wie Werner Momberg ihre Schilderungen einer sexuellen Attacke in einem Auto als „frei erfunden“ einstufte. Verheult zurückgekehrt sei sie in der fraglichen Nacht, weil der Angeklagte ihr klargemacht habe, dass er nichts von ihr wolle.

„Lockere Fäuste“

So weit geht die Strafkammer nicht. Doch für eine Verurteilung wegen versuchter Vergewaltigung hat ihr die Beweisaufnahme zu große Lücken gelassen. Dafür, dass sein könnte, was die 18-Jährige an Übergriffen schildert, spreche, dass „der Angeklagte lockere Fäuste hat“, betont Richter Jürgen Dreyer unter Hinweis auf dessen Vorstrafenregister. Doch schon bei der Frage, ob die junge Frau damals tatsächlich am Auge verletzt war oder nicht, werde es schwierig. Man glaube ihr viel - es blieben aber „erhebliche Zweifel“.

„Ich glaube ihr jedes Wort“, betonte Staatsanwältin Ingrid Richter. Schon aus dem Blick des Angeklagten spreche Gewalttätigkeit. Eine schmale Frau wie die Nebenklägerin habe da keine Chance. Doch auch sie forderte keine Verurteilung wegen versuchter Vergewaltigung. Der muskulöse 21-Jährige, der sich hätte durchsetzen können, sei vom Versuch zurückgetreten.

„Unterste Schublade“

Was die Kammer als versuchten Menschenhandel verurteilt, geißelt Nebenklageanwalt Dieter Keseberg als „moralisch unterste Schublade“. Ein 17-jähriges Mädchen habe unter Vorspiegelung vermeintlicher Liebe dazu gebracht werden sollen, der Prostitution nachzugehen. Die Kammer hält für erwiesen, dass der Angeklagte im vorigen Sommer gemeinsam mit einem Kumpel eine Prostituiertenwohnung organisierte. Eine mittlerweile 21-jährige Frau sei dort für den Kumpel anschaffen gegangen. Der Angeklagte habe die Nebenklägerin in diese Wohnung mitgenommen und sie zweimal gefragt, ob sie für ihn nicht Gleiches tun wolle. Sie habe abgelehnt. Gleichwohl seien Fotos von ihr gemacht und für eine Anzeige im Internet weitergeleitet worden. All das sei durch verschiedene Zeugenaussagen schlüssig.

Die Machenschaften in der Terminwohnung endeten schon kurz nach deren Anmietung, weil die Polizei kontrollierte. Das brachte auch die Ermittlungen gegen den Angeklagten und seinen Kumpel in Gang. Die Nebenklägerin hatte nie Anzeige erstattet.

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