Trotzdem Kinder: Mann mit HI-Virus entschied sich bewusst, Vater zu werden

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Plakat-Kampagne der Aids-Hilfe: Zübeyde steht mit ihrem Gesicht und ihrem Namen zu ihrer HIV-Infektion und dazu, dass sie Mutter einer kleinen Tochter ist.

Kassel. Heute ist Welt-Aids-Tag: Und es gibt viele Menschen auch in Deutschland, die mit dem Virus leben. Einer ist der Kasseler Bernd K. (Name von der Red. geändert). Er entschied sich dennoch, Vater zu werden.

Bernd K. ist stolz. „Wenn meine Tochter lacht, geht die Sonne auf“, sagt der 37-Jährige über seinen sechs Monate alten, gesunden Sprössling. Und natürlich ist die Kleine das schönste Kind überhaupt.

Er zückt ein Handyfoto. „Hübsch, oder?“ Das Baby war ein Wunschkind. Was daran besonders ist? Bernd K. weiß seit fünf Jahren, dass er HIV-positiv ist.

HIV-Positiv & Mutter sein?

Hier geht es zur Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Ein großer, gut aussehender Mann sitzt da auf dem Sofa. Er ist modisch gekleidet und redet charmant, lebendig, ein wenig atemlos. Immer wieder blitzt sein gewinnendes Lachen auf. „Ich bin ein guter Schauspieler: Mir geht’s immer gut“, sagt er. Dass er das tödliche Virus in sich trägt, weiß so gut wie niemand.

„Meine erste Lebenshälfte verlief geradlinig und perfekt“, erzählt er. „Ich habe immer alles erreicht.“ Dann warf ihn ein Verkehrsunfall aus der Bahn. Er durchkreuzte seine Pläne zu studieren und beendete seine Karriere als Fußballspieler. Seine anschließenden Depressionen kurierte er mit wilden Partys und wechselnden Frauenbekanntschaften.

„Das Virus habe ich mir auf Kassels Partymeile geholt“, sagt er heute nüchtern und ohne lange zu überlegen. Irgendwann machte Bernd K. einen Aidstest. Das „positive“ Ergebnis habe ihm einen Schlag versetzt. „Ich empfand es als Todesurteil und wollte mir das Leben nehmen.“ Er kündigte seine Arbeitsstelle, sämtliche Versicherungen. Seine Nöte besprach er mit niemandem.

Nach einigen Monaten entschied er sich fürs Weiterleben. „Ich bin im Grunde ein Optimist“, sagt er. Er hatte sich inzwischen in medizinische Betreuung einer Uni-Klinik begeben, die ihm attestierte, dass seine Viruslast gering, sein Immunsystem gut und seine Helferzellen stark seien.

Er suchte sich einen neuen Job, und über Kollegen lernte er bald seine heutige Frau kennen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Bernd K.

Kinder waren für das Paar kein Thema, es verhütete mit Kondomen. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt jemanden gefährdet“, sagt Bernd K. Dass er HIV-positiv ist, konnte er seiner großen Liebe dennoch nicht ins Gesicht sagen. Deshalb habe er Spuren gelegt, Broschüren über Aids in der Wohnung herumliegen lassen und die Internetseiten der Aids-Hilfe geöffnet.

„Hast du Aids?“, habe ihn seine Frau eines Tages gefragt. Als er bejahte, packte sie ihre Koffer. „Aber ich wusste, sie kommt wieder“, sagt Bernd K., und er sollte recht behalten. Kurz darauf heiratete das Paar. „Ich hatte das Gefühl, die Zügel meines Lebens wieder in der Hand zu halten.“

Doch er hatte sich zu viel vorgenommen. Es folgte ein körperlicher Zusammenbruch. Endlich holte sich Bernd K. Rat von der Kasseler Aids-Hilfe. Die vermittelte ihm einen erfahrenen Hausarzt. Bernd K. begab sich außerdem in eine Therapie, in der ihm bescheinigt wurde, dass er arbeitsunfähig ist.

Zu Hause als Frührentner mit viel Zeit wuchs der Wunsch, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben: Das Paar wollte jetzt ein Kind. „Ich wusste inzwischen, dass es für mich möglich ist, ein gesundes Kind zu zeugen, und dass ich aufgrund meiner Medikation labortechnisch nachweisbar nicht ansteckend bin.“

Heute ist Bernd K. Hausmann und Vater, und er ist glücklich: „Wenn meine Frau von der Arbeit kommt, steht das Essen auf dem Tisch.“

Dass er HIV-positiv ist, habe er „fast vergessen“. „Ich weiß, wie ich mich richtig verhalten muss, und ich richte mich danach.“ Geblieben ist die Angst vor dem Stigma, die Angst, „dass es rauskommt“, wie er sagt. Wird er es seiner Tochter später sagen? Da verschwindet die Heiterkeit von seinem Gesicht. Zum ersten mal kommt die Antwort zögerlich: „Ich weiß es nicht.“

Von Christina Hein

Hintergrund: HIV und Aids

Das Humane Immundefizienz-Virus, abgekürzt HIV, ist ein Immundefekt-Virus. Eine Ansteckung führt nach einer unterschiedlich langen Inkubationszeit zu Aids (englisch: acquired immunodeficiency syndrome), einer noch unheilbaren Immunschwächekrankheit. HIV hat bisher 25 Millionen Leben gefordert. Etwa 33,4 Millionen Menschen sind weltweit infiziert. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt seit 1996 stetig und lag 2008 bei 2,7 Millionen Menschen. Manfred Baumert und Olaf Rothe von der Kasseler Aidshilfe führen das auf gute Prävention und Therapiemöglichkeiten zurück. Dass die Zahl der Neudiagnosen in Deutschland bei 2800 Fällen und damit um 100 Menschen höher liegt als 2010, erklärt er damit, dass sich einige Betroffene erst jetzt untersuchen ließen, obwohl sie sich in zurückliegenden Jahren angesteckt haben.

Hintergrund: HIV und Elternschaft

Ein Kinderwunsch ist trotz HIV-Infektion des Vaters oder der Mutter erfüllbar geworden. Fest steht: HIV kann von der Mutter auf das Kind übertragen werden: in der Schwangerschaft, während der Geburt, beim Stillen. Ohne Maßnahmen zum Schutz des Kindes beträgt das Risiko einer Übertragung in Deutschland 20 Prozent. Werden alle Maßnahmen getroffen, beträgt es weniger als ein Prozent. Der Elternwunsch muss medizinisch begleitet werden. Männer können gefahrlos Vater werden, wenn nach zwei Jahren Therapie binnen sechs Monaten keine Viruslast mehr nachweisbar ist. Außerdem darf die HIV-infizierte Person nicht Träger einer anderen sexuell übertragbaren Infektion sein. www.aidshilfe.de

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